Das Projekt

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Das Projekt „MußeOrte ‑ weltweit“ des Sonderforschungsbereichs 1015 „Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken“ (SFB) möchte mit einer interaktiven Karte Muße-Orte erfahrbar machen und zugleich einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeit des SFB geben. Doch lässt sich Muße definieren? Was genau sind Muße-Orte? Und was hat es mit „MußeOrte ‑ weltweit“ auf sich? Diese Fragen wollen wir in der Projektbeschreibung beantworten und außerdem die Forschungsfelder des SFB vorstellen.

Broschüre zur zweiten Förderphase des SFB 1015

Muße ‑ Annäherungen an einen vielschichten Begriff

„Jeder will sie, keiner hat sie“, so heißt es in der kürzlich erschienenen Info-Broschüre des SFB über das schwer greifbare und wohl nicht abschließend definierbare Phänomen der Muße. Von Muße spricht man im alltäglichen Leben, um der Sehnsucht nach dem freien Verfügen über die eigene Zeit Ausdruck zu verleihen. Und dennoch ist Muße nicht synonym mit Freizeit, denn sie kann sich an jedem Ort und zu jeder Zeit, also auch in zeitlich angespannten Situationen einstellen. Die versuchte Umschreibung von Muße im alltäglichen Sprachgebrauch zeigt, was auch für die wissenschaftliche Definition des Begriffs gilt: Muße lässt sich nicht eindimensional festschreiben oder in einer einfachen wissenschaftlichen Formel fassen; es sei denn, man vernachlässigt die Vielfalt ideengeschichtlicher Traditionsstränge, kultureller Kontexte und empirischer Phänomene. Daher arbeitet der SFB mit einer offenen Definition des Muße-Terminus, der eine Konkretisierung im je vorliegenden Fall ermöglicht. Umschreiben lässt sich Muße in diesem Sinne am besten mithilfe paradoxaler Wendungen wie ‚bestimmte Unbestimmtheit‘ oder ‚produktive Unproduktivität‘. So sind Muße-Erfahrungen einerseits ‚bestimmt‘ durch eine Freiheit von jeglichen zeitlichen Zwängen und andererseits ‚unbestimmt‘ in der Art und Weise, wie nun diese freie Zeit ausgefüllt wird. Mit gängigen betriebswirtschaftlichen Maßstäben gemessen, sind Momente der Muße ,unproduktiv‘, doch gerade in dieser zeitweisen Aufkündigung eines einfachen Kosten-Nutzen-Kalküls besteht ihr ,produktives‘ oder auch kreatives Potenzial. Dieses kann freilich wieder an externe, etwa ökonomische, Zwecke rückgebunden werden oder aber dem Moment des Selbstzweckhaften verpflichtet sein und bleiben – in dieser Spannung manifestieren sich die Kontextabhängigkeit und das Prekäre der Muße. Sie bleibt stets auf den kulturell und historisch variablen Umgang mit zeitlichen Ressourcen bezogen; auch darin besteht ihre gesellschaftliche Relevanz.

© J. Cleve / J. Davids

Orte der Muße

Wenn sich wie in unserem interaktiven Kartenprojekt „MußeOrte ‑ weltweit“ alles um Muße-Orte dreht, so verbindet der/die Besucher*in der Seite solche Orte vermutlich zunächst mit Abgeschiedenheit und Alltagsferne, wie man sie etwa in Gärten, Parks oder Museen findet. Diese Orte laden zum Verweilen ein oder wurden explizit zum Zweck des Verweilens geschaffen. Sie eröffnen gedankliche und ganz reale Freiräume, in denen ein mußevolles Erleben und Schaffen möglich sind. Doch kann sich tätige Untätigkeit auch an Orten einstellen, die sich dem mußevollen Zustand auf den ersten Blick völlig entziehen, in Alltagssituationen, wie dem Warten auf einen verspäteten Zug etwa, oder in beruflichen Situationen, in denen Zeitdruck und Effizienz unser Handeln bestimmen. Wann und wo sich Muße beim Einzelnen einstellt, lässt sich kaum voraussagen, sogar „kanonische“ Muße-Orte garantieren kein entsprechendes Erleben, zum Beispiel aufgrund der schieren Masse derer, die dort Muße suchen (z. B. der Markusplatz in Venedig). Die Aneignung und Erfahrung von Muße-Orten können damit höchst individuell und/oder kulturell codiert zugleich ausfallen. Auch die von den Doktorand*innen des SFB initiierte Online-Publikation „Muße. Ein Magazin“ befasst sich regelmäßig mit Muße-Orten und greift dabei Schwerpunktthemen und gesellschaftliche Debatten zum Thema Muße auf.

Muße-Forschung im SFB 1015

Muße ist ein vielgestaltiges und vielschichtiges Phänomen. Kulturhistorische, psychologische, ästhetische und soziale Aspekte spielen eine wichtige Rolle. Daher bietet es sich an, Muße aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen zu erforschen. Dies geschieht im Rahmen des SFB 1015 „Muße“, der an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angesiedelt ist und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Forschungsprojekte aus Theologie, Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie und Psychologie fragen etwa, wie sich Muße (in unterschiedlichen Kulturen) fassen lässt, welche Ausdrucksformen sie findet, wie sie in der Literatur verhandelt und angesichts von Krisenerfahrungen neu perspektiviert oder erlernt wird. Die Frage nach der Beschaffenheit der Orte von Muße-Erfahrungen und ‑Praktiken spielt dabei eine zentrale Rolle. Das zeigt sich unter anderem auch dann, wenn Literatur- und Forstwissenschaftler*innen urbane bzw. naturräumliche Muße-Orte und deren Darstellungen untersuchen oder Kunsthistoriker architekturgeschichtliche bzw. -theoretische Überlegungen zu Muße-Räumen anstellen. Und schließlich fragen weitere Wissenschaftler*innen, wie Muße in die Gesellschaft hineinreicht. Dabei werden massentouristischer Städtereisen oder mußeaffine Orte wie ein Gottesdienst und (vermeintlich) mußeferne Orte wie das Krankenhaus untersucht.

Otium. Studien zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße

Räume oder Orte der Muße spielen folglich in allen Projekten des SFB eine prominente Rolle; sie werden in den literaturwissenschaftlichen Teilprojekten ebenso verhandelt wie in den Teilprojekten, die Aspekte unseres alltäglichen Erlebens erforschen. Was aber ist ein Raum, was ein Ort? Pointiert gesagt, lässt sich über Räume in zweierlei Hinsicht sprechen: Zum einen kann man Raum in einem sehr konkreten, vereinfachten Sinne als „Behälter“ von Dingen und Menschen verstehen. Raum ist hier etwas, das Menschen und Dinge umgibt, das diese aber nicht aktiv gestalten oder beeinflussen können. Zum anderen kann man von Raum als einem nicht nur physischen, sondern auch sozialen und kulturellen Phänomen sprechen. In diesem Sinne entstehen Räume erst aus gesellschaftlichen Entwicklungen, aus sozialer Interaktion und durch Wahrnehmungen und Erinnerungen Einzelner. Erst in der sozialen, kulturellen, kollektiven und individuellen Aneignung des physischen Raums wird dieser zu einem für Menschen relevanten Phänomen. An einem Ort können sich so verschiedene gedankliche wie konkrete Räume eröffnen.

„MußeOrte ‑ weltweit“ ‑ die Idee dahinter

Auch im Rahmen des Projektes „MußeOrte ‑ weltweit“ wird der Bezug zwischen konkreten Orten und den vielfältigen Formen ihrer praktischen und/oder mentalen Aneignung hergestellt. Dies geschieht in der Annäherung der Autor*innen des Projektes an ihre Muße-Orte und die dort gemachten Erfahrungen aus einer subjektiv-lebensweltlichen Perspektive heraus. Darüber hinaus wird ein Bezug zwischen der Beschreibung dieser Muße-Orte und der wissenschaftlichen Erforschung von Muße und ihren Räumen und Orten durch Interviews mit den Teilprojektleiter*innen und Mitarbeiter*innen des SFB hergestellt. Auf einer abstrakteren Ebene werden so Verbindungslinien zwischen den lebensweltlich perspektivierten Texten der Autor*innen und den Forschungsfragen des SFB sichtbar; diese Verbindungslinien sollen zum weiteren und kritischen Nachdenken über Aspekte der Muße, über unseren Umgang mit Zeitressourcen anregen. Nicht zuletzt entsteht so ein niederschwelliger Austausch zwischen breiter Öffentlichkeit und Wissenschaft, der gegebenenfalls für beide Seiten neue Perspektiven auf das Phänomen Muße zu eröffnen vermag.

Die Kartendaten

Die Kartendaten, die unserem Projekt zugrunde liegen, stammen aus OpenStreetMap ‑ einem Projekt, dass lizenzkostenfrei Kartenmaterial zu Verfügung stellt. Dieses Kartenmaterial kommt zustande, weil Ehrenamtliche GPS-Daten sammeln, in die OpenStreetMap Datenbank einpflegen und somit eine Alternative zu anderen existierenden Angeboten bieten. Der Detailierungsgrad dieser Kartendaten ist regional sehr unterschiedlich: Für den europäischen Raum sind die Kartendaten teilweise genauer als proprietäre Karten; schwer zugängliche und infrastrukturell weniger erschlossene Gebiete sind dagegen oft nur ungenau verzeichnet. Im Detailierungsgrad der Karten bildet sich teilweise auch die Ungleichheit globaler Ressourcen-Verteilung ab. Muße-Orte in solchen Regionen lassen sich folglich auf der Karte oftmals nur schwer situieren, da die Umgebung gleichsam einen weißen Fleck auf der Landkarte darstellt. Gerade was den weltweiten Charakter des Projektes angeht, muss man sich dieser Problematik bewusst sein. Trotzdem ist es aus unserer Perspektive sinnvoll, solche partizipativen Open-Source-Projekte zu unterstützen und entsprechende Karten zu verwenden.

In Muße mehr über Muße erfahren

Die Karte ist bewusst so angelegt, dass sie auch selbst zum digitalen Muße-Raum werden kann: In Muße kann Muße multimedial erfahren werden. Die Seite schreibt keine Nutzung vor und bietet zugleich die Möglichkeit, sich gewissermaßen im Modus der digitalen Flanerie der Muße anzunähern. Wir laden Sie daher herzlich ein, sich auf der Seite umzuschauen und Muße-Orte zu entdecken.