Fragen an Anne Holzmüller

Dr. Anne Holzmüller ist Leiterin des Teilprojektes R1 „Muße und musikalische Immersionserlebnisse. Vom 18. Jahrhundert bis ins Zeitalter digitaler Medientechnologien“.

„MußeOrte – weltweit“: Im Rahmen Ihres Teilprojektes untersuchen Sie Formen und Funktionen musikalischer Immersion und deren Bezüge zu Muße-Erfahrungen. Können Sie auf einen Punkt bringen, was wir uns unter Immersion vorstellen können?

Anne Holzmüller: Immersion ist derzeit natürlich ein viel diskutierter Begriff. Viele bringen mit Immersion bestimmte Objekteigenschaften in Verbindung, mit der medialen Simulation von Realität durch hyperrealistische Darstellung, interaktive Elemente, Dreidimensionalität usw. Wir verstehen Immersion aber primär als einen Modus der Erlebens, also phänomenologisch, und verwenden den Begriff in Bezug auf Klang und Musik. Immersion beschreibt eine spezifische erlebte Relation von Rezipient und ästhetischem Kontext, und zwar werden hier ein Überschreiten der Grenzen und die Präsenz im Anderen – in unserem Fall: in der Musik – erfahren. Auf diese Qualität des Erlebens nimmt auch die Wassermetaphorik Bezug, mit der Immersion oft als erstes in Verbindung gebracht wird: Sie wird häufig als Eintauchen und Eingetaucht-Sein beschrieben.

„MußeOrte – weltweit“: Muße und Immersion sind sehr vielschichte Konzepte bzw. Begriffe. Mit welchen Grundannahmen arbeiten Sie?
Anne Holzmüller: Wir gehen natürlich von vielen verschiedenen Grundannahmen aus, am wichtigsten ist vor allem der Immersions-Begriff. Zunächst haben wir im Teilprojekt ein phänomenologisches Kern-Konzept von Immersion erarbeitet, das für unsere weiteren Schritte wichtig ist und uns einen kulturhistorischen Zugang zu den konkreten Phänomenen eröffnet, die uns interessieren. Der mögliche Bezug zwischen Immersion und Muße war von Anfang an mitgedacht. Liegen Immersion und Muße nahe beieinander? Können wir Immersion vielleicht sogar als Muße-Form untersuchen? Im Fortgang unserer Arbeit konnten wir feststellen, dass die Schnittmengen von Immersion und Muße anders gelagert sind, als wir ursprünglich vermutet haben.

„MußeOrte – weltweit“: Wie verhalten sich die beiden Begriffe/Konzepte ihren Forschungen zufolge zueinander?

Anne Holzmüller: Aus unserer Perspektive befinden sich Immersion und Muße sozusagen in einer ähnlichen Ecke, die soziale Rahmung ist häufig sehr ähnlich. Ich denke zum Beispiel, dass Muße oder die Sehnsucht nach so etwas wie Muße ganz häufig Ausschlag gibt für ein Verhalten, in dessen Folge Immersion entstehen kann. Gleichzeitig erhofft man sich von diesem Abtauchen oder Eintauchen eine Qualität des Erlebens, die eigentlich charakteristisch für Muße ist und daher mit Immersion oft nicht einhergehen kann. Was ich damit genau meine? Das für die Muße charakteristische Moment des Umschlagens negativer in positive Freiheit. Negative Freiheit meint, dass man frei ,von‘ etwas ist. Dies kann man bspw. dadurch erreichen, dass man woanders hingeht, einen anderen Raum oder eine andere Zeitstruktur aufsucht. Darin sind sich Muße und Immersion in Bezug auf ihre Voraussetzungen sehr ähnlich, aber das Umschlagen in eine positive Freiheit, also eine Freiheit ,zu‘ etwas, eine Freiheit, die einen Möglichkeitsraum eröffnet, das ist natürlich etwas, was mit der Phänomenologie der Immersion nicht so gut zusammengeht. Immersion ist ja ein Modus, bei dem man sehr fokussiert, sehr eingebunden ist und dieses Gefühl von positiver Freiheit gerade nicht hat. Für die Muße hingegen ist es zentral. Natürlich ist das alles idealtypisch gedacht, mit Blick auf konkrete Untersuchungsgegenstände kann man Muße- und Immersionsphänomene oftmals nur weniger scharf konturiert fassen.

„MußeOrte – weltweit“: Die konkreten Fälle sind ein guter Ansatzpunkt. Sie richten Ihr Augenmerk auf bestimmte musikgeschichtliche Zeiträume. Können Sie erklären, warum Sie welche Zeiträume für das Teilprojekt ausgewählt haben?

Anne Holzmüller: Ich bin weniger von den Konzepten zu den Epochen gekommen, sondern von der Beschäftigung mit bestimmten historischen und zeitgenössischen Phänomenen zu den Konzepten, also zu Muße und Immersion. Ich habe einen Vortrag über iPod-Kultur vorbereitet, ein Thema, das mich schon lange umgetrieben hat, und zur selben Zeit habe ich ein Seminar gegeben über Kirchenmusik-Rezeption im späten 18. Jahrhundert. Dabei hat sich ein fruchtbarer Synergie-Effekt ergeben, weil ich gemerkt habe, dass bei den beiden sehr unterschiedlichen Themen im Endeffekt ein sehr ähnliches Phänomen von besonderer Bedeutung ist: Es geht jeweils um eine ganz bestimmte Qualität des Erlebens, wenn wir Musik hören, und diese hat ganz viel mit alternativer Raumerfahrung zu tun. Mit einem ,Sich-selbst-woanders-Fühlen‘.

„MußeOrte – weltweit“: Wenn ich im Zug sitzen und über Kopfhörer Musik höre, ist das also vergleichbar mit den Erfahrungen von Menschen, die im 18. Jahrhundert einer Messe gelauscht haben?

Anne Holzmüller: Ja, auf einer bestimmten Ebene ist das vergleichbar. Nehmen wir die Reiseberichte protestantischer Rombesucher*innen aus dem 18. Jahrhundert und die Art und Weise, wie dort Hörerlebnisse beschrieben werden. Von Entrückungserlebnissen ist dort die Rede, man hört den Gesang der Engel, man fühlt sich wie in einen Himmelsraum entrückt usw. Die iPod-Kultur stellt auf den ersten Blick einen absoluten Gegensatz dazu dar. Hier geht es um technische Diskurse, unendliche Speichermöglichkeiten oder das unendliche Archiv, das auf dem iPod zu Verfügung steht. Wichtig ist aber auch ein medien-soziologischer Aspekt: Bin ich als iPod-Hörer*in noch Teil der Gesellschaft oder bin ich woanders? Hier deutet sich schon an, dass die Erlebnisqualitäten, die auf beiden Seiten beschrieben werden, doch verwandt sind. Verstärkt wurde das auch durch mein eigenes Erleben; so habe ich mich bspw. gefragt, was und wie ich höre, wenn ich mit Kopfhörern durch die Stadt gehe? Ist das nicht vergleichbar mit dem Besuch eines Kirchenkonzerts, bei dem ich mich einhüllen lasse in eine Klangwolke? Bietet mir eine Kirche mit ihrer spezifischen Akustik nicht auch dieses Surround-Gefühl, das ich sonst nur mit Kopfhörern habe? Diesen gesamten Zusammenhang fand ich irgendwie faszinierend und so kam es zu einem Reflexionsprozess, der u.a. in das Teilprojekt gemündet ist.

„MußeOrte – weltweit“: Immersion hat etwas mit einem bestimmten Raumerleben zu tun, wie kann man sich das vorstellen?

Anne Holzmüller: Dieses Raum-Erleben spielt sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab. Ich möchte hier unterscheiden zwischen dem akustischen Raum, einem Wahrnehmungsraum (und damit zusammenhängend: einem metaphorischen Raum) und der musikalischen Inszenierung innerer Räume. Zunächst geht es um den akustischen Raum, der auch intensiv inszeniert werden kann. Dies ist etwa der Fall, wenn ein Chor in einer Kirche so positioniert wird, dass die Mauern den Schall so abstrahlen, dass das Richtungshören ausgehebelt wird und man sich eher in einem umrundenden Klang befindet. Als zweites möchte ich auf den Wahrnehmungsraum eingehen, der zugleich metaphorischer Raum genannt werden könnte. Es geht dabei um eine Art von Räumlichkeit, in die sich die Hörer*innen durch Musik versetzt fühlen, und oftmals artikulieren sie dieses Gefühl mithilfe von räumlichen Metaphern. Im 18. Jahrhundert kamen da u.a. aquatische Metaphern zum Tragen (Musik als Wasser), die Musik als einen unendlichen, umgebenden Raum beschreiben. Andere Metaphern wären der Äther oder der Himmel. Ich glaube, über die Epochen hinweg gibt es eine komplementäre Art und Weise metaphorisch über Erfahrungs-Räume zu sprechen, die Musik eröffnen kann. Drittens gibt es die Möglichkeit – und das ist mir als Musikwissenschaftlerin besonders wichtig – die Möglichkeit, durch Musik innere Räume zu inszenieren, z.B. durch den Einsatz von Harmonien, wir sprechen auch vom harmonischen Raum. Außerdem gibt es die Möglichkeit, durch Dynamik Sog-Effekte zu erzielen, z.B. durch Crescendo und Decrescendo.

„MußeOrte – weltweit“: Können Sie das anhand eines Beispiels konkretisieren?

Anne Holzmüller: Es gibt ein tolles doppelchöriges Stück von Carl Philipp Emmanuel Bach („Heilig“ ), bei dem sowohl jene akustische Ebene als auch die innermusikalische Räumlichkeit relevant sind. Bestandteil des Stücks ist ein „Chor der Völker“, der mit dem Diesseits verbunden und entsprechend laut und statisch komponiert ist: maximal eine Quint-Bewegung im Bass, wir haben Pauken, alle Stimmen sind in sich nicht sehr bewegt. Dann kurze Generalpause. Die Chöre der Engel setzen ein – keine Instrumente, alles a cappella und harmonisch durch Modulationen sehr bewegt (d.h. wir werden durch die harmonsiche Progression immer tiefer in den tonalen Raum hineingeführt). Die Chöre schwellen immer wieder an und verklingen wieder. Dadurch entsteht natürlich auch eine räumliche Dimension: der Klang kommt näher und entfernt sich. Das Ganze ist das deutsche Sanctus, also der Moment in der Liturgie, in dem auf die singenden Engel der himmlischen Liturgie Bezug genommen wird. Insofern appelliert die Musik an die Hörer*innen, dieses ganz konkrete metaphorische Bild für einen Immersions-Raum aufzurufen. Wer die Chöre der Engel hört, kann sich räumlich oben bei Gott wähnen. Dieses deutsche Sanctus ist es ein wunderbares Beispiel, da man an ihm alle drei Ebenen von Räumlichkeit aufzeigen kann.

„MußeOrte – weltweit“: Frau Holzmüller, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

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