Fragen an Christian Schmidt

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Dr. Christian Schmidt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Post-Doc im Teilprojekt „‚Vita mixta‘. Zur Laikalisierung eines geistlichen Konzeptes“

„MußeOrte – weltweit“: Im Rahmen des mediävistischen Teilprojektes G2 befassen Sie sich mit dem Verhältnis von ,vita activa‘ und ,vita contemplativa‘, die in der ,vita mixta‘ zusammengeführt werden. Was interessiert Sie besonders am Begriff der ,vita mixta‘?

Christian Schmidt

Christian Schmidt: Unser Projekt ist besonders an der Frage interessiert, wie das Konzept einer ,vita mixta‘ im Spätmittelalter so transformiert wird, dass es auf in der Welt lebende Laien anwendbar ist. Kirchenväter wie Gregor der Große hatten das Modell für hohe kirchliche Amtsträger entwickelt, also für Geistliche, die eine Vielzahl administrativer Aufgaben zu erfüllen haben, sodass ein vollständiger Rückzug aus der Welt für sie nicht in Frage kommt. Ein Bischof, heißt es bei Gregor einmal, muss im aktiven Leben alle Schwächen seiner Nächsten in sich selbst übertragen und im kontemplativen Leben über alle und sich selbst erhaben sein. Eine gelungene ,vita mixta‘ besteht dann in diesem Balance-Akt zwischen intensiver Zuwendung zu den Mitmenschen und Selbstüberschreitung in Kontemplation. Als vor dem Hintergrund kirchlicher Reformbewegungen im Spätmittelalter der Laie zu einer neuen Leitfigur religiösen Lebens wird, entdeckt man diese Art von Konzept zunehmend für weltlich lebende Schichten, für Kaufleute zum Beispiel.

„MußeOrte – weltweit“: Wie lässt sich Muße in diesem Kontext greifen?

Christian Schmidt: ,Muße‘ kann in diesen Zusammenhängen ganz unterschiedlich ins Spiel kommen. In Anleitungen zu Gebet und Meditation kann ,muoze‘ in der Bedeutung einer Zeit auftauchen, die nicht durch weltliche Geschäfte gefüllt ist. ,Muoze‘ kann sich aber auch auf die Lesegeschwindigkeit beziehen, z.B. wenn dazu geraten wird, Meditationstexte „mit guoter muoze“ zu lesen. Das wären vergleichsweise einfach zu fassende Bedeutungen. Nun ist eine Grundannahme des Projektes, dass die Unterscheidung von ,vita activa‘ und ,vita contemplativa‘ selbst ähnlich vertrackt funktioniert wie ein Konzept, das Muße paradox als „tätige Untätigkeit“ auffasst. Interessant wird es, wenn sich aus der Überlagerung von Tätigkeit und Kontemplation Störfälle ergeben.

„MußeOrte – weltweit“: Welche Rolle spielen neben zeitlichen Strukturen tatsächliche oder gedankliche Räume bei der Einübung der ,vita mixta‘? Müssen die ganz realen Räume besondere bauliche oder andere Voraussetzungen erfüllen?

Christian Schmidt: Räume und ihre Semantik spielen immer eine Rolle, die Erfüllung bestimmter baulicher Voraussetzungen ist für unsere Untersuchungszusammehänge aber weniger relevant. Wichtig ist, dass Außen- und Innenräume in einem Spannungsverhältnis stehen. Für Gebet und Betrachtung gilt die innere Disposition als entscheidend – diese wiederum wird häufig in architektonischen Metaphern oder Allegorien beschrieben. So ist etwa vom Haus des Gewissens oder von der Errichtung innerer Klöster die Rede. Die Pointe solcher Ansätze besteht darin, sich in einer inneren Abgeschiedenheit vom realen Außenraum unabhängig machen zu können. Vielfach wird aber auch dazu geraten, sich zum Gebet in einen räumlich abgeschiedenen Bereich zurückzuziehen, ins secretum orationis. Wie so etwas ausgestaltet ist, bleibt offen. Eine Art Rechtskompendium für Laien des 14. Jahrhunderts gibt an, dass es ausdrücklich gestattet sei, sich eine eigene Räumlichkeit zu diesem Zweck anzufertigen, der Text spricht von „den pett haussern (Bethäusern) die ettlich leut machen oder haben“. Kontemplatives Leben von Laien spielt sich aber natürlich auch in der Kirche ab – Kirchen erfüllen wohl am ehesten striktere bauliche Voraussetzungen.

„MußeOrte – weltweit“: Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen der ,vita mixta‘ und aktuellen Praktiken der Einübung von Muße bzw. Achtsamkeit, wie sie im SFB auch untersucht werden?

Christian Schmidt: Ja, da gibt es ganz deutliche Parallelen, die ich allerdings eher in Strukturen sehe als in Inhalten und Zielen. Die erste Parallele: Meditation wird im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit erstmals zu einem Großtrend, es kommt zu einer regelrechten Explosion von Literatur in diesem Bereich und das hält bis ins 18. Jahrhundert an. Wir erleben unter ganz anderen medialen Bedingungen mit den gegenwärtigen Achtsamkeitsbewegungen vielleicht etwas Ähnliches. Allein die Meditations-App „Headspace“ verzeichnet ja mehrere Millionen aktive Nutzer*innen. In der spätmittelalterlichen Meditationsbewegung geht es, wie heute auch, darum, durch mentale Übungen einen Habitus zu formen, der sich nicht auf die Übungen selbst beschränkt. Im Idealfall tritt dann das ein, was Jean Gerson sagt: man ist in Kontemplation tätig und im Tätigsein kontemplativ. Das ist bei den Ansätzen zur Achtsamkeit, die ich kenne, ähnlich. Achtsamkeit ist nicht durch den Rahmen einer konkreten Übung begrenzt, sondern soll eine Haltung trainieren, die im Alltag wirksam bleibt. Die Form der Unterweisung lässt sich auch vergleichen: Viele mittelalterliche Meditationstexte leiten wie heutige Achtsamkeitsübungen Schritt für Schritt zur Meditation an und verfolgen ein planvolles didaktisches Konzept.

„MußeOrte – weltweit“: Es gibt doch aber auch sicherlich Grenzen der Vergleichbarkeit und sinnvollen Parallelisierung gegenwärtiger und historischer Phänomene?

Christian Schmidt: Ja, auf jeden Fall. Der gegenwärtige Achtsamkeitstrend setzt kein religiöses Weltmodell voraus und zielt auf immanentes Glück, nicht auf das Seelenheil. Deswegen haben heutige Achtsamkeitsübungen ein ganz anderes Verhältnis zur Bewertung von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen, als dies in spätmittelalterlichen Meditationstexten der Fall ist. Bei Achtsamkeit, so wie ich sie verstanden habe, geht es darum, Gedanken und Gefühle dezidiert wertfrei zu beobachten, zu registrieren, zu akzeptieren. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem, was in spätmittelalterlichen Meditationen geschieht. Hier entscheiden Wertungen über Leben und Tod: Gedanken können sündhaft sein oder nicht – und weil sündhafte Gedanken das Seelenheil gefährden, müssen sie möglichst vermieden und unter Kontrolle gebracht werden. Durch Imaginationsübungen werden Gefühle ganz gezielt angesprochen und geweckt: Furcht vor den Höllenstrafen, Mitleid mit Christus, Liebe zu Gott. Das Ziel ist Weltabkehr, nicht Aufgehen in der Welt.

„MußeOrte – weltweit“: Wie lässt sich die ,vita mixta‘ im Spannungsfeld von Geselligkeit und Einsamkeit situieren? Wird sie eher in alltäglichen oder in außergewöhnlichen Handlungen greifbar?

Christian Schmidt: Ein Grund, warum wir uns für Konzepte einer ,vita mixta‘ interessieren, besteht darin, dass es hier um die Integration derartiger Spannungsfelder geht – Geselligkeit und Einsamkeit, Hinwendung zum Nächsten und Rückzug zum Gebet, Tätigkeit und Ruhe, Außen und Innen. All diese Spannungspole lassen sich an der Unterscheidung von ,vita activa‘ und ,vita contemplativa‘ gewissermaßen aufhängen und in ihrer Dynamik studieren. Es wird sichtbar, warum diese Gegensätze nicht starr sind, sondern ineinander umschlagen können.

„MußeOrte – weltweit“: Herr Schmidt, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

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