Fragen an Clara Sofie Kramer

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Clara Sofie Kramer, MSc., ist Mitarbeiterin und Doktorandin im Teilprojekt P1 „Erlebte Orte und Momente der Muße im europäischen Städtetourismus der Gegenwart“.

„MußeOrte – weltweit“: Im humangeographischen Teilprojekt untersuchen Sie, ob und unter welchen Bedingungen Muße im modernen Städtetourismus möglich ist. Welche Städte untersuchen Sie hierfür und warum?

Clara Sofie Kramer

Clara Sofie Kramer: Ich untersuche das Phänomen der touristisch-urbanen Muße an den Beispielen von Barcelona, Paris und Florenz. Alle drei Städte haben eine lange Tradition im europäischen Städtetourismus und sind immer noch von höchster Relevanz für den gegenwärtigen Tourismus in urbanen Räumen. Florenz und Paris wurden beispielsweise schon im 18. Jahrhundert im Rahmen der sogenannten Grand Tour – einer Bildungsreise für junge Adlige – als erste europäische Städte touristisch genutzt und geprägt. Beide Städte verzeichnen auch noch heute immense und sogar steigende Ankunftszahlen von Besucher*innen aus der ganzen Welt. Genauso Barcelona: Die Stadt wird spätestens seit den Olympischen Spielen im Jahr 1992 täglich von tausenden Tourist*innen aufgesucht.

„MußeOrte – weltweit“: Vor welchen Herausforderungen stehen diese Städte in Zeiten von zunehmenden Besucher*innenströmen?

Clara Sofie Kramer: Alle drei Städte profitieren einerseits vom boomenden Städtetourismus: Es handelt sich dabei um einen wichtigen Wirtschaftszweig, der unter anderem Arbeitsplätze und Geld bringt. Auf der anderen Seite stehen jedoch die negativen Auswirkungen der stetig wachsenden Branche des Städtetourismus: Die Städte haben zu kämpfen mit den steigenden Besucher*innenzahlen, die sie über ein Besucher*innenmanagement zu regulieren versuchen. Zudem müssen durch Überlastung von Infrastruktur und Bausubstanz entstandene Kosten ausgeglichen werden. In extremen Fällen werden Bewohner*innen stark touristifizierter Stadtteile sogar verdrängt, beispielsweise durch „Airbnb“.
Ich sehe darin die Entwicklung begründet, dass Tourist*innen in solch stark nachgefragten Städten oftmals von einer wachsenden Zahl an Bürger*innen nicht mehr gerne gesehen werden. In diesem Zusammenhang steht meines Erachtens die Notwendigkeit eines bewussten, respektvollen und angemessenen Reiseverhaltens. Reisende müssen sich und ihr Verhalten immer stärker reflektieren und sich vielleicht öfter fragen: Würde ich das an meinem Wohnort haben, sehen oder erleben wollen?

„MußeOrte – weltweit“: Den urbanen Muße-Orten nähern Sie sich über die Auswertung von Reiseführern und Reiseblogs? Welche Fragen richten Sie an Ihr Untersuchungsmaterial?

Clara Sofie Kramer: Es handelt sich um ein ganzes Set an Fragen, von denen ich hier nur die wichtigsten skizzieren möchte. Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass ich in meiner Arbeit von einem konstruktivistischen Raumkonzept ausgehe – das heißt: Raum existiert nicht als solcher, sondern wird durch Handlungen, Bewegungen und Sprache konstruiert. Ich interessiere mich in der Analyse der Reiseliteratur für sprachliche Konstruktionen von Muße-Räumen. Diese in den Reiseführern und Blogs zu identifizieren und zu beschreiben, zu analysieren und zu typisieren, um mögliche Gemeinsamkeiten sowie übergreifende Strukturen erkennen und aufzeigen zu können – darin besteht kurz gesagt der erste große Arbeitsschritt. In welchem Verhältnis die sprachlichen Konstruktionen mit der ,Realität‘ vor Ort, also der empirisch wahrnehmbaren Konstruktion der Räume, stehen, ist wiederum eine andere Frage, welcher ich während der Feldforschung vor Ort nachgehen werde.

„MußeOrte – weltweit“: Was sind die touristisch-urbanen Muße-Räume ohne die darin agierenden Menschen? Welche Rolle spielen im Projekt also beispielsweise Handlungen oder Bewegungen im Raum?

Ausrüstung für eine Städtereise (© Clara Sofie Kramer)

Clara Sofie Kramer: Neben Räumen interessieren mich selbstverständlich auch Praktiken touristisch-urbaner Muße. Zunächst habe ich mich daher auch in diesem Kontext auf Beschreibungen in Reiseführern und Blogs – also auf deren sprachliche Konstruktion – konzentriert. Wie und wo können Tourist*innen während ihres Städteurlaubs Muße erleben? Wie werden touristisch-urbane Praktiken von den Reiseführern konzeptualisiert?
Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Fragen an das Textmaterial; beispielsweise nach der Vermarktung und Kommerzialisierung touristisch-urbaner Muße – in Anlehnung an den Begriff der Touristifizierung von mir als Mußifizierung bezeichnet –, nach der Rolle von Authentizität im Muße-Erleben, nach der Bedeutung von Kontakten zur Stadtbevölkerung, nach einer Fragilität von Muße-Räumen, nach der zeitlichen Veränderung von Muße-Räumen, und weitere. Eigentlich ergibt sich aus jeder Antwort, die ich bekomme, eine neue spannende Frage.

„MußeOrte – weltweit“: Wie identifizieren Sie Muße-Orte, die abseits von ,typischen‘ mußerelevanten Orten wie Parks, Museen oder Kirchen liegen? Und welche sind das?

Clara Sofie Kramer: Mir ist es sehr wichtig, mich nicht nur auf die ,klassischen‘ oder ,erwarteten‘ Muße-Orte zu konzentrieren und mich damit nicht von anderen, unerwarteten Räumen der Muße ablenken zu lassen. Deshalb habe ich versucht, zu Beginn der Reiseliteraturanalyse das Wissen über solche ‚typischen‘ Muße-Orte in den Hintergrund zu stellen, um offen und möglichst unvoreingenommen an das Textmaterial heranzugehen. Einige der herausgearbeiteten Räume sind durchaus den von Ihnen genannten Beispielen zuzuordnen, andere – wie etwa Straßenzüge, ganze Stadtviertel, Flussufer oder Kaufhäuser – erweitern und bereichern das Feld der potenziellen Muße-Räume; damit öffnen sie den Blick für Unvorhergesehenes, was meiner Meinung nach für eine innovative Forschung unabdingbar ist.

„MußeOrte – weltweit“: Viele Muße-Orte der Autor*innen von „MußeOrte – weltweit“ stehen in einem touristischen Kontext. Ist das Reden bzw. Schreiben über touristische Muße etwas ,Harmloses‘ oder kann es auch ein kritisches Potenzial haben?

Clara Sofie Kramer: Ich denke, dass das Schreiben über persönliche Muße-Orte und somit die Reflexion eigener Muße-Erfahrungen selbst ein mußevolles Moment innehaben kann. Aber auch hier gilt: Sprache konstruiert und verändert Räume: Wird ein Ort als Muße-Ort beschrieben, in der Reiseliteratur beispielsweise als ‚Geheimtipp‘ bezeichnet, kann dies zur Folge haben, dass weitere Menschen diesen Ort aufgrund seiner mußevollen Eigenschaften aufsuchen und ihm somit möglicherweise genau diese Eigenschaften nehmen. Hier greift das oft zitierte Dilemma des Tourismus: Wir als Reisende zerstören das, was wir suchen, in dem Moment, in dem wir es finden. Dieser Teufelskreis deutet auf die eben genannte Fragilität, also Zerbrechlichkeit von Muße-Räumen hin. Das heißt, das Schreiben über touristische Muße ist ein macht- und wirkungsvoller Akt im Konstruktionsprozess von Räumen, beispielsweise innerhalb von Städten. Selbstverständlich ist diese Wirkung umso mächtiger, je größer die erreichte Leser*innenschaft ist: ein erfolgreicher, kommerziell betriebener Reiseblog, der vermeintlich authentische Geheimtipps gibt, erreicht vermutlich mehr Menschen und hat somit eine noch größere Tragweite im Prozess der Raumkonstruktion und Touristifizierung von Räumen als ein Eintrag in einem kleinen privaten Blog. Ich bin gespannt, inwiefern die Autor*innen von „MußeOrte – weltweit“ diese Aspekte mitreflektieren.

„MußeOrte – weltweit“: Liebe Frau Kramer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

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