Fragen an Inga Wilke

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Inga Wilke, M.A., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Teilprojekt G6 „Muße lernen? Freie Zeit, Kreativität und Entschleunigung in Zeiten der Leistungssteigerung und Selbstoptimierung“.

„MußeOrte – weltweit“: Im Rahmen des kulturanthropologischen Teilprojektes G6 interessieren Sie sich für Praktiken des Erlernens von Muße. Was ist der Gegenstand Ihrer Forschungen? Welche Fragen interessieren Sie genau?

Inga Wilke

Inga Wilke: Im Zentrum der Forschung stehen vor allem Fragen danach, wo und wie Menschen heutzutage Muße suchen. Konkreter Gegenstand unserer Forschung sind Kurse, in deren Rahmen Muße bzw. muße-affine Praktiken vermittelt und erlernt werden sollen. Wir betrachten das Ganze vor dem Hintergrund der alltäglichen Anforderungen, mit denen Menschen gegenwärtig konfrontiert sind. Die Beschreibungen der Kurse nehmen oft sehr explizit Bezug darauf, dass etwas unternommen werden sollte, um mit diesen Anforderungen anders umgehen zu können. Anhand dieser Beschreibungen suchen wir die Kurse aus, die wir untersuchen möchten. Es handelt sich dementsprechend um eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Kursformen. In Bezug auf die Auswahl der Praktiken nehmen wir ein ähnlich weites Feld in den Blick. Waldbaden wäre bspw. eine wichtige Praktik, mit der ich mich beschäftige. Was das semantische Feld betrifft, geht es aktuell viel um Achtsamkeit und Entschleunigung, speziell um das ,MBSR‘-Programm nach Jon Kabat-Zinn, das ja auch in einem anderen Teilprojekt des SFB eine wichtige Rolle spielt. Interessant sind aber auch Phänomene, die stärker an Orte oder an für unsere Regionen traditionelle Muße-Praktiken angelehnt sind – etwa ein Klosteraufenthalt.

„MußeOrte – weltweit“: Sie haben es bereits angesprochen: Die Kurse sind oftmals an bestimmte Orte gebunden. Würden Sie sagen, dass es Orte gibt, die sich besonders dazu eignen, solche Kurse durchzuführen? Wie würden Sie das räumliche Setting dieser Kurse beschreiben?

Inga Wilke: Grundsätzlich ist es uns wichtig, aus der Perspektive der Akteur*innen zu beschreiben, wie sie für sich Muße (und das heißt auch: Muße-Räume) konzeptionieren. In Bezug auf die Frage, welche Räume die Akteur*innen als besonders muße-affin wahrnehmen, zeichnen sich hier gewisse Übereinstimmungen zwischen ihren Aussagen ab. Natürlich ist das räumliche Setting auch dadurch bestimmt, dass in den Kursen eine Gruppe zusammenkommt. Die Räume sind daher so groß, dass alle Teilnehmenden gut drin Platz finden, und so strukturiert, dass man gut zusammensitzen und sich austauschen kann. Gleichzeitig ist aber auch elementar, dass jeder ein Stück weit seine ,Insel‘ hat: Entweder ist es der Stuhl, auf dem man sitzt, oder eine Matte bzw. das Meditationskissen inklusive Decke. Beim Waldbaden verhält es sich natürlich völlig anderes, da diese Kurse nicht in geschlossenen Räumen stattfinden. Trotzdem wird der Wald von den Akteur*innen auch als Raum konzipiert, der sich besonders gut dafür eignet, wieder in Kontakt mit sich und der Natur zu kommen.

„MußeOrte – weltweit“: Sie haben gerade die körperliche Erfahrung angesprochen. Inwiefern kann man sagen, dass Muße sich auch körperlich manifestiert? Was spielt sich im Kopf ab und was macht der Körper dabei?

Paperspike [CC BY-SA 4.0], Wikimedia Commons

Inga Wilke: Das ist die ganz zentrale Frage in unserem Teilprojekt. Antworten darauf zu finden, ist methodisch nicht unbedingt einfach. Wir alle haben gelernt, über körperliche Dinge mithilfe von kulturell geprägten Mustern zu sprechen. Ob man gewissermaßen hinter diesen Vorhang blicken und direkt an die Ebene des Erlebens rankommen kann, ist eine sehr komplexe Frage. In unserer Kultur etwa hat die Trennung von Körper und Geist ideengeschichtlich eine lange Tradition, die unser Sprechen über den Körper bis heute mitbestimmt; es ist aber natürlich die Frage, ob das im tatsächlichen Erleben alles so scharf getrennt ist. Auch in den Kursen spielt diese Trennung eine wichtige Rolle; oftmals geht es gerade darum, dass sich die Teilnehmer*innen als defizitär erfahren und einen anderen Zugang zu ihrem Körper, ihren Sinnen und zu ihren Emotionen suchen. Die Praktiken, die dabei erlernt werden sollen, wie eine Gehmeditation oder ein bewusstes Öffnen der Sinne im Wald, sind Versuche, den Körper miteinzubeziehen. So soll Entspannung gelingen und Muße zumindest gefördert werden.

„MußeOrte – weltweit“: Die Muße-Praktiken werden ja außerhalb des Alltags erlernt, sollen sich aber auf den Alltag auswirken. Wo würden Sie diese Muße-Praktiken im Spannungsfeld von Alltag und Nicht-Alltag einordnen?

Inga Wilke: Wenn jemand für ein Wochenende zu einem Kurs fährt, um abzuschalten und familiäre oder berufliche Verpflichtungen hinter sich zu lassen, ist das analytisch betrachtet erst einmal eine Flucht aus dem Alltag. Die Menschen beschreiben das auch teilweise selbst so. Gleichzeitig haben die Kurse natürlich das Ziel, dass die Teilnehmenden etwas in die Welt außerhalb des Kurses ,mitnehmen‘ können. An dieser Stelle kommen dann häufig Bewertungen ins Spiel, die auf das Kriterium der Leistung oder Selbstoptimierung verweisen. „Hat der Kursanbieter gehalten, was er versprochen hat?“ „Gelingt es mir, das Gelernte in den Alltag zu integrieren oder nicht?“ „Schaffe ich es, das Erlernte mithilfe einer Meditations-App zu verstetigen?“ Das sind Punkte, die die Teilnehmenden in Gesprächen mit mir immer wieder aufgreifen. Es handelt sich also auf jeden Fall um ein Spannungsfeld von Alltag und Nicht-Alltag. Es wird übrigens auch von den Kursanbietenden so hergestellt, etwa wenn sie die Teilnehmenden ungefähr folgendermaßen ansprechen: „Hier seid Ihr jetzt erstmal ganz raus und Ihr müsst auch gar nicht den Anspruch haben, dass der Kurs Eure Welt verändert, aber es wäre natürlich schön, wenn es ein paar Impulse gibt.“

„MußeOrte – weltweit“: Die untersuchten Kurse sind relativ kostspielig. Das Angebot, Muße über diesen Weg zu erlernen, richtet sich also nur an einen kleinen Personenkreis. Muße und Kommerzialisierung scheinen sich also nicht gegenseitig auszuschließen. Sehen Sie das auch so?

Inga Wilke: Also gerade, wenn man die aktuelle Situation und v.a. den Umgang der Menschen mit dem Konzept ,Muße‘ betrachtet, kann man festhalten, dass sich das nicht ausschließt. In kulturhistorischer Perspektive verhält sich das sicherlich anders. Wie man die heutige Kommerzialisierung und die damit verbundene soziale Exklusion bewertet, ist eine andere Frage. Neben der Kommerzialisierung ist in Bezug auf die Kurse noch ein weiterer Aspekt von Bedeutung: der der Legitimierung der Beschäftigung mit sich selbst. Die Teilnahme an einem solchen Kurs, der in einer Art Bildungskontext verortet werden kann (teilweise sind die Kurse auch als Bildungsurlaub zugelassen), stellt häufig auch eine Rechtfertigung dafür dar, dass man sich auf sich selbst konzentriert, sich um sich selbst kümmert und zumindest für einen gewissen Zeitraum viele Verpflichtungen hintenanstellt. In weiten Teilen unserer Gesellschaft scheint es eben keine Selbstverständlichkeit zu sein, mit sich selbst in Klausur zu gehen.
Bei aller berechtigten Kritik an den Kursen und dem gesellschaftlichen Kontext: Kommerzialisierung und Legitimierungsstrategien schließen keineswegs aus, dass Menschen in den Kursen Muße erleben können. Die Kurse sind ein relativ exklusives Angebot, dieser Befund sollte aber nicht dazu führen, dass man den Teilnehmer*innen ihre Muße-Erfahrungen abspricht.

„MußeOrte – weltweit“: Frau Wilke, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

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