Fragen an Jochen Gimmel

Dr. Jochen Gimmel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Post-Doc im Teilprojekt G3 „Verordnete Arbeit, gelenkte Freizeit – und Muße? Marxismus und ‚dosug‘ in der sowjetischen Kultur“.

„MußeOrte – weltweit“: Im Teilprojekt G3 geht es einerseits um die Konzepte der Muße, die Marx’ Schriften durchziehen, und andererseits darum, wie diese Konzepte von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen aufgegriffen wurden. Es handelt sich dabei um ein sehr weites Feld. Wo liegen Ihre Arbeitsschwerpunkte und in welchem Zusammenhang stehen diese mit den Grundfragen des Projektes?

Jochen Gimmel: Meine Forschung dreht sich zentral um das Werk von Marx, die verschiedenen Werkphasen und das Werkumfeld, d.h. frühsozialistische Schriften, den Bezug zu Hegel und den Jung-Hegelianern im weiteren Bereich. Es geht darum, Muße konzeptionell ausweisen zu können. Dies ist gar nicht ganz leicht, weil der Begriff ,Muße‘ in den Schriften zwar genannt wird, aber nicht besonders zentral ist. Muße ist also eher konzeptionell, d.h. als Motiv, fassbar – freilich an unterschiedlichen Stellen in Marx’ Werk und in unterschiedlichen Ausprägungen. Zentral geht es um den Begriff der freien Zeit, der frei verfügbaren Zeit, damit auch der Freizeit; und zwar insofern, als diese Zeit nicht nur als eine Funktion der Arbeit begriffen wird (im Sinne der Regeneration), sondern tatsächlich die Möglichkeit zu einer Selbstentfaltung oder Selbstverwirklichung der Individuen schafft, also eigentlich umschlägt von Quantität in Zeit-Qualität. Dieses Motiv ist relevant für die Fragestellung des Teilprojekts, da in der Sowjetunion, die zentral von Marx’ Schriften beeinflusst war, die Frage nach dem Charakter bzw. der Funktion von Freizeit gestellt wurde. „Verstehen wir uns als eine reine Arbeitsgesellschaft? Oder streben wir eine Gesellschaft an, die es sich zum Zweck macht, Freiräume zur Selbstentfaltung zu schaffen? Und was bedeutet das konkret?“ – so lassen sich die damaligen Fragestellungen etwas vereinfacht zusammenfassen. Es handelte sich für die Zeitgenossen auf jeden Fall um drängende Fragen, auch wenn sie aufgrund gewisser praktischer Zwänge, die eine Revolution so mit sich bringt, zugleich auch in den Hintergrund getreten sind.

„MußeOrte – weltweit“: Wir versuchen mit dem MußeOrte-Projekt auch immer den Bogen zu schlagen zu Orten, in denen Muße möglich wird. Welche Rolle spielen Räume in den Schriften oder dem Leben von Marx?

Jochen Gimmel: In seinen Schriften sind diese Punkte eher indirekt von Relevanz. Über das rein örtliche Moment habe ich noch gar nicht weiter nachgedacht. In der Ringvorlesung „Muße und Wissenschaft“ habe ich mich etwas mehr damit befasst, als es nämlich um das Wissenschaftsverhältnis von Marx und anderen, z.B. Max Weber, ging. Dort habe ich aufzuzeigen versucht, wie die tatsächlichen wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen von Menschen wie Marx reflektiert wurden. Es finden sich dort auch einige Beschreibungen ihres Arbeitens, die sehr stark mit Momenten der Muße verknüpft sind. Dabei spielen bestimmte Räume/Orte (Arbeitszimmer, Esszimmer, Spazierwege etc.) oder sogar gewisse Gegenstände an Orten eine wichtige Rolle, also z.B. das Canapé. Hier sind der Raum und seine konkrete Gestaltung ein zentrales Moment der wissenschaftlichen Produktivität. Das ist auch insofern ganz spannend, als es sich meistens um sehr ambivalente Orte handelt; und zwar in dem Sinne, dass sie einerseits mit wissenschaftlicher Produktivität, andererseits auch häufig mit einem Aspekt verbunden sind, der zur Zerstreuung führt. Dieses Spannungsverhältnis hat sich für mich an fast allen Textstellen gezeigt, an denen der Ort der wissenschaftlichen Produktion eine Rolle spielt.

„MußeOrte – weltweit“: War Marx an den gerade beschriebenen Orten eher alleine? Oder ist seine wissenschaftliche und publizistische Produktion mit einer Form von Geselligkeit verbunden gewesen, aus der sich Muße zur Produktion oder produktive Muße ergeben konnte?

Jochen Gimmel: In dem Sinne, wie Sie das beschrieben haben, würde ich sagen, dass es sich sogar um sehr gesellige Orte gehandelt hat. Es waren – neben der einsamen Schreibarbeit – sehr oft Orte des Gesprächs – Orte, an denen ein stilles Gespräch unter Freunden zustande kam, oder eben eine gesellige Runde, in der dann maßgebliche Ideen entstanden sind. Ich würde daher gar nicht ausschließen, dass Muße auch in geselligem Rahmen aufkam. Das geht übrigens bis zum Berauschen und dem exzessiven Konsum von Genussstoffen, so tritt in der Selbstbeschreibung, aber auch in der Fremdwahrnehmung von Marx regelmäßig das Thema des Rausches und des Rauchens auf. Das Besäufnis wird dabei quasi als Startpunkt eines Rausches beschrieben, der dann auch etwas Erhabenes, Produktives haben kann. Der Rausch wird in den entsprechenden Texten also ganz oft mit Produktivität kurzgeschlossen. Vor allem Außenstehende beschrieben in Bezug auf Marx’, dass er viel getrunken und zugleich geistige Hochleistungen vollbracht habe. Der Rausch fungiert hier als Inspiration. Als Motiv findet sich das auch bei Max Weber. Dieses Denken im und als Rausch konnte sich auch auf eine gewisse geistesgeschichtliche Tradition berufen – zumindest Weber verweist in den entsprechenden Zusammenhängen auf Platon.

„MußeOrte – weltweit“: Herr Gimmel, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

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