Fragen an Johannes Fendel

Johannes Fendel, M.Sc., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im Teilprojekt P3 „Muße im Krankenhaus? Eine achtsamkeitsbasierte Intervention bei Assistenzärzt*innen“.

 „MußeOrte-weltweit“: Achtsamkeit ist aktuell sehr präsent – von Achtsamkeitsratgebern in Buchform über Apps bis hin zu mehr oder weniger kommerziellen Kursangeboten. Wie definieren Sie den Begriff im Rahmen Ihrer Forschungen?

Johannes Fendel: Achtsamkeit kann man als Bewusstseinszustand beschreiben, in dem man seine Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment richtet und dabei eine innere Haltung einnimmt, die von Offenheit, Neugier und Akzeptanz geprägt ist. In der Praxis der Achtsamkeit übt man sich, dessen gewahr zu werden, was in einem selbst und um einen herum passiert. Dabei versucht man, das Wahrgenommene nicht zu beurteilen oder zu bewerten. Mit zunehmender Übung erhält man einen tieferen Einblick in eigene Handlungsroutinen und Reaktionsmuster und lernt neue Möglichkeiten im Umgang mit innerem und äußerem Stress. Falsch verstandene Achtsamkeit kann allerdings auch das Gegenteil bewirken: Wird sie primär zur Stressreduktion und Leistungssteigerung genutzt, besteht ihr Zweck in der Selbstoptimierung und so kann sie letztlich selbst zur Quelle von Stress und Unruhe werden.

„MußeOrte-weltweit“: An welcher Stelle kommt nun die Muße ins Spiel? In welchem Verhältnis steht sie zur Achtsamkeit?

Johannes Fendel: Wir geben den Teilnehmer*innen unserer Achtsamkeitskurse mit Muße ein Konzept vor, an dem sie sich in ihrer Achtsamkeitspraxis gedanklich orientieren können. Muße ist ein Gegenpol zu zweckorientiertem Handeln und ein sogenannter Seinsmodus, in dem es nicht um Leistung und Effizienz geht, sondern in dem das momentane Tun und Sein sich selbst genügen. Muße betont Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl und ist mit Genießen, Freundlichkeit, Weichheit wie auch Gelassenheit und Freiheit assoziiert. Sie hat etwas Raumgebendes, in ihr tritt das Gefühl von Zeit- und Termindruck in den Hintergrund. In Muße erlebt man Erfüllung und Sinnhaftigkeit. Die Orientierung des Kurses an Muße soll die Teilnehmenden daran erinnern, dass man mit der Achtsamkeitspraxis nichts erreichen muss, sondern etwas für sich und sein Wohlbefinden tut.

„MußeOrte-weltweit“: Muße bildet also einen gedanklichen Rahmen, der den Kursteilnehmer*innen Orientierung geben und die Achtsamkeitspraxis gegen Funktionalisierungstendenzen imprägnieren soll. Wie würden Sie darüber hinaus die beiden Phänomene auf einer konzeptuellen Ebene in Beziehung setzen?

Johannes Fendel: Ein achtsamer Zustand teilt viele Qualitäten mit einem Muße-Erleben, wie die Gegenwartsorientierung oder das gefühlte Zurücktreten des Zeiterlebens. Der Unterschied zwischen einem achtsamen Zustand und einem Muße-Zustand liegt in der affektiven Qualität des Erlebens. Diese ist in Muße stets positiv und geht, wie oben beschrieben, mit dem Erleben von Genuss, Freundlichkeit, Erfüllung und Sinn einher. Ein achtsamer Zustand kann auch unangenehm sein, zum Beispiel beim achtsamen Wahrnehmen von Schmerzen oder unangenehmen Gefühlen. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass man Muße nicht gezielt herstellen kann, nach dem Motto: „Und jetzt habe ich Muße“. Sie ergibt sich eher aus den situativen inneren und äußeren Bedingungen. Durch die Praxis der Achtsamkeit üben die Teilnehmer*innen unserer Kurse immer wieder, in den gegenwartsorientierten Modus zu wechseln, der innerlich Zeit- und Termindruck in den Hintergrund treten lässt und in dem sie Muße erleben können. Die Achtsamkeit dient also quasi als Wegbereiterin der Muße.

„MußeOrte-weltweit“: Apropos „Teilnehmer*innen“ – im Teilprojekt führen Sie eine achtsamkeitsbasierte Intervention bei Assistenzärzt*innen durch und überprüfen deren Effekte auf den Berufsalltag und das subjektive Empfinden. Was macht gerade die Assistenzärzt*innen so interessant für Ihre Forschungen?

Johannes Fendel: Frei nach dem Motto „Lösche dort das Feuer, wo es am heißesten brennt“ wenden wir uns mit Assistenzärzt*innen einer besonders belasteten Berufsgruppe zu. Die Belastung zeigt sich im Vergleich zu dienstälteren Kolleg*innen und anderen Berufsgruppen im Krankenhaus in erhöhten Prävalenzen psychischer Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, Burnout oder gar Suizid. Dies liegt an einer ganzen Reihe von Faktoren, wie einem hohen Arbeitspensum, langen Arbeitszeiten, häufigen Nacht- und Wochenenddiensten oder der Kluft zwischen dem eigenen Berufsethos und dem Berufsalltag. Interessant sind Assistenzärzt*innen für uns auch, weil sie am Anfang ihrer Karriere stehen und erst beginnen, ihren persönlichen Arbeitsstil zu entwickeln. Sie befinden sich also in einer kritischen Lebensphase, in der Routinen und Muster gebildet werden, mit denen langfristig das Wohlbefinden erhalten, Resilienz aufgebaut und Belastungsfolgen vorgebeugt werden können.
Die Praxis der Achtsamkeit ist hierbei eine vielversprechende Möglichkeit. Zahlreiche Studien aus über drei Jahrzehnten wissenschaftlicher Forschung belegen die Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Interventionen. Erste Studien mit Ärzt*innen zeigen nach Teilnahme an einem Achtsamkeitsprogramm signifikant geringere Stress- und Burnoutwerte, eine Verminderung von Angst und Depression sowie ein vermindertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

„MußeOrte-weltweit“: Auf den ersten Blick scheint Muße unvereinbar mit dem Krankenhausalltag, wird dieser doch zunehmend von Zeitdruck, Zeittaktung und Zeitverdichtung geprägt. Stehen Muße und Achtsamkeit nicht quer zu den Anforderungen des ärztlichen Berufsalltags?

Johannes Fendel: Meines Erachtens bietet der ärztliche Alltag ein enormes Muße-Potenzial. Kaum ein Beruf wird als derart befriedigend und sinnstiftend empfunden. Eine wichtige Rolle spielt dabei der direkte Kontakt mit Patient*innen. Dieser wird als zentrale Motivations- und Gratifikationsquelle empfunden. Doch gerade der direkte Kontakt mit Patient*innen wird durch Dokumentation, steigende Fallzahlen und Ökonomisierungsdruck zunehmend beschnitten. Durch das Üben einer achtsamer Grundhaltung lernen die teilnehmenden Assistenzärzt*innen potenzielle Mußemomente im Krankenhaus überhaupt als solche zu erkennen und intensiver zu erleben. Das Schöne ist, dass die durch Achtsamkeit gestiegene ärztliche Präsenz und Empathie nicht zuletzt den Patient*innen selbst zugutekommen.

„MußeOrte-weltweit“: Kritiker*innen beklagen eine Kommerzialisierung und Funktionalisierung von Achtsamkeitsangeboten. Mindfulness sei nicht nur ein Lifestyle-Phänomen, sondern letztlich eine Form der Selbstoptimierung. Was entgegnen Sie einer solchen Kritik an der „Achtsamkeitsindustrie“?

Johannes Fendel: Der Achtsamkeitsboom der letzten Jahre und Jahrzehnte kann als Antwort auf eine zunehmende Achtlosigkeit der modernen Kultur gesehen werden. Wer sich im Multitasking zwischen To-do-Listen, Meetings, Whatsapp-Gruppen, und unzähligen Konsumangeboten verliert, sehnt sich vielleicht nach Einfachheit, Ruhe und mehr Bewusstheit in Sein und Tun. Achtsamkeit bildet einen Gegenpol, eine Art Selbstregulation zur gezielten Besinnung auf die momentan erfahrbare innere und äußere Welt.
Zutreffend ist aber auch: Hand in Hand mit ihrem Aufstieg zu einem Massenphänomen wurde Achtsamkeit zunehmend funktionalisiert. Arbeitgeber*innen wie auch Privatpersonen nutzen Achtsamkeit gezielt, um Stress zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit zu steigern. Dadurch wird Achtsamkeit zum Bestandteil der Beschleunigungs- und Selbstoptimierungskultur, zu der sie ursprünglich einen Gegenpol bilden sollte. In unserem Teilprojekt sind wir der Überzeugung, dass eine Orientierung der Achtsamkeitspraxis am Idealbild der Muße als entfunktionalisiertem, selbstbestimmtem und erfülltem Seinsmodus dieses Paradox lösen kann.

„MußeOrte-weltweit“: Das Teilprojekt G5 „Muße in Krankheitszeiten“ fragt mit Blick auf Patient*innen nach Muße-Potenzialen, Sie interessieren sich für den Berufsalltag der Ärzt*innen. Sehen Sie Bezüge oder Schnittstellen zwischen den Projekten?

Johannes Fendel: Nach ihren Strategien befragt, um im Alltag gesund, zufrieden und leistungsfähig zu bleiben, geben Ärzt*innen meist eine gute Beziehung zu ihren Patient*innen an. Der direkte Kontakt bildet eine zentrale Quelle, um das eigene Tun langfristig als sinnvoll zu erfahren und Arbeitsfreude zu erleben. Für Patient*innen wiederum üben Gespräche mit ihren behandelnden Ärtz*innen enormen Einfluss auf die emotionale Krankheitsverarbeitung aus. Sie geben Symptomen eine Bedeutung, vermitteln Sicherheit, Struktur und Perspektive. Aufgrund des zunehmenden bürokratischen Aufwands, den Ärzt*innen treiben müssen, wird die Gesprächszeit jedoch sukzessive reduziert und avanciert zur kostbaren Ressource, an der unterschiedlichen Perspektiven auf den Klinikalltag deutlich werden: Während Patient*innen im Krankenhausalltag meist mit einem nicht selbstgewählten Leerlauf konfrontiert sind, stehen Ärzt*innen permanent unter Zeitdruck. Die zentrale Frage ist nun, wie es Ärtz*innen gelingen kann, die Zeit, die ihnen mit ihren Patient*innen bleibt, zum Wohle ihrer Patient*innen wie für sich selbst zu nutzen und inwiefern sie die Praxis der Achtsamkeit darin unterstützen kann.

„MußeOrte-weltweit“: Welche Rolle spielen Orte bzw. Räume in Ihren Forschungen?

Johannes Fendel: Durch die Praxis der Achtsamkeit wollen wir vor allem inneren Raum schaffen, Achtsamkeit ist ortsungebunden. Stefan Schmidt hat ihre Funktion einmal als Wegbereiterin zum Muße-Erleben beschreiben: In einem von Hektik und Leistung geprägten Umfeld muss sich der Geist erst wieder im stillen Verweilen üben, sonst werden Gelegenheiten zur Muße vielleicht gar nicht erst erkannt oder gespürt.

„MußeOrte – weltweit“: Herr Fendel, haben Sie vielen Dank für das Interview!

 

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