Fragen an Jürgen Bengel

Read the English version here.

 

Prof. Dr. Dr. Jürgen Bengel ist Leiter des Teilprojektes G5 „Muße in Krankheitszeiten. Freiraum und Neuorientierung angesichts von Verzicht und Verlust“.

„MußeOrte – weltweit“: In Ihrem psychologischen Teilprojekt „Muße in Krankheitszeiten“ untersuchen Sie die Einschränkungen und Freiräume chronisch kranker Menschen. Von welchen Grundannahmen gehen Sie dabei aus und wo kommt dabei die Muße ins Spiel?

Prof. Dr. Dr. Bengel

Jürgen Bengel: Wir gehen davon aus und haben auch empirische Anhaltspunkte dafür, dass Menschen, die an einer chronischen Erkrankung leiden, neben den Belastungen immer wieder von Freiräumen berichten. In dieser Zeit können/müssen sie nicht arbeiten, und erzählen, dass sie dennoch etwas für sie Gewinnbringendes erfahren. Das muss nicht zwangsläufig etwas Positives sein. Erzähler*innen sprechen unter anderem darüber, sich in neu entstandenen Freiräumen Gedanken über die Erkrankung und ihre Entstehung sowie ihr weiteres Leben gemacht zu haben.  Oder sie thematisieren Entscheidungen, die sie hinsichtlich ihrer weiteren Lebensgestaltung gefällt haben und von denen ausgehend sie ihr Leben neu ausrichten. Es werden auch viele  Episoden berichtet, die den Schluss auf positiv getönte Erfahrungen zulassen. Ob das als Muße bezeichnet werden kann bzw. wie das Verhältnis der Erfahrungen in Freiräumen zu Muße ist, das ist genau die Frage, die wir uns im Projekt stellen.

„MußeOrte – weltweit“: Ist Muße ein Konzept, das in der Psychologie generell bekannt ist? Ist das ein Terminus, mit dem Sie in anderen Kontexten arbeiten können?

Jürgen Bengel: Nein, also das Konzept Muße hat in der Psychologie keine Tradition. Allerdings weisen sehr unterschiedliche psychologische Konzepte eine Nähe zu Muße auf, darunter Langeweile, Flow und Achtsamkeit, aber auch Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Diese werden in der Psychologie diskutiert. Speziell im Kontext sehr belastender Erfahrungen wie chronischer Krankheit haben wir ein weiteres Konzept, das wir in eine gewisse Nähe zur Muße rücken können und das entsprechende oder ähnliche positive Erfahrungen beschreibt: die sogenannte posttraumatische Reifung. Dieses wurde im Rahmen der Arbeit mit Menschen entwickelt, die schwerwiegende traumatische Erfahrungen gemacht haben und nach der überstandenen Krise darüber berichten, dass sie durch diese neue positive Erfahrungen z.B. mit Mitmenschen machen können. Sie können die Beziehungen zu Anderen neu und intensiver definieren, aber auch mit der gewonnenen Zeit auf positive Weise umgehen. Letztlich leben sie intensiver.

„MußeOrte – weltweit“: Können Sie was dazu sagen, ob es spezifische Räume gibt, die für die von Ihnen beschriebenen Erfahrungen besonders förderlich sind. Ich denke beispielsweise an Warte- oder Behandlungszimmer? Spielt also der Raum eine Rolle für die positiven Erfahrungen, die chronisch Kranke machen können?

Jürgen Bengel: In den Erzählungen wird berichtet, dass konkrete, physische Räume tatsächlich einen Einfluss auf die Erfahrungen der Patient*innen haben. So finden sich Passagen, in denen das kunsttherapeutische Zimmer als „Kreativraum“ bezeichnet wird, das Inspiration und neue, bisher unbeachtete Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Allerdings stehen konkrete, physische Räumlichkeiten nicht im Fokus der Untersuchung. Mit „Freiraum“ sind subjektiv wahrgenommene, durch Krankheit entstandene Zeitfenster gemeint, die auf eine bestimmte Weise erfahren und gestaltet werden (müssen). Diese werden von den Erzähler*innen nicht zwangsweise mit konkreten Räumlichkeiten in Verbindung gebracht.

„MußeOrte – weltweit“: Welche Rolle spielt in Ihrem Teilprojekt das Spannungsverhältnis zwischen Teilhabe an der Gesellschaft und Einsamkeit? Man fällt ja durch die Krankheit oftmals aus seinem Alltag heraus. Ist das auch ein Faktor, der bei der Entstehung der Freiräume relevant ist?

Jürgen Bengel: Viele chronisch Kranke erfahren eine Belastung, unabhängig von der Art der Erkrankung. Es kann sich dabei um eine gewisse Stigmatisierung oder soziale Isolierung handeln, die eigentlich nicht begründet ist durch die Erkrankung oder durch die Person. Das hängt mit gewissen Unsicherheiten aufseiten des/der Erkrankten, aber auch aufseiten des jeweiligen Gegenübers zusammen. Letztere wissen oftmals nicht, wie sie mit einem chronisch erkrankten Menschen umgehen sollen. Bei solchen Erkrankungen oder auch bei einer Behinderung besteht häufig ein gewisses Risiko, das vom Rückgang der sozialen Kontakte bis hin zur sozialen Isolation reicht. In den Erzählungen zeigt sich, dass gerade Patient*innen, die mit einer „unsichtbaren Bedingung“ wie Schmerzen zu kämpfen haben, von Unverständnis ihres nahen Umfeldes und Problemen, ihre Beschwerden zu kommunizieren, berichten.

Auf der Website krankheitserfahrungen.de finden sich Erzählungen von Betroffenen über ihren Umgang mit Erkrankungen.

Auf der anderen Seite ist es auch so, dass dadurch natürlich auch ein Nachdenken bei einer/einem Erkrankten einsetzen kann. Gedanken kommen auf: „Warum meldet sich die/der oder jene/jener nicht?“ Manche sind dann geradezu gezwungen, aktiv zu werden. Sie können nicht passiv warten, bis sie jemand kontaktiert, sondern werden aktiv. Diese Handlungsmöglichkeiten bzw. -zwänge werden dann später oftmals als positive Erfahrung gewertet. Gleichzeitig ist das ein Ansatzpunkt für eine therapeutische Begleitung: „Du hast ein gewisses Risiko, Dich sozial zu isolieren, also tue aktiv was dazu, hilf den anderen, dass sie wissen, wie sie mit Dir umgehen sollen“ – so könnte, pointiert gesagt, ein therapeutischer Appell lauten.

Krankheitserfahrungen bieten also den Raum, dass man seinem Gegenüber deutlicher als sonst sagen kann, was man gern hätte, und dadurch auch die Unsicherheit auf beiden Seiten reduziert wird. Ohne zu kritisch formulieren zu wollen, denke ich, dass Muße keine alleinige Grundvoraussetzung dafür ist, dass sich solche positiven Effekte einstellen; Muße ist aber ein gutes Konzept, um diese Erfahrungen eines chronisch kranken Menschen, aus einer innovativen Perspektive zu betrachten. Die Arbeit in meinem Teilprojekt ist freilich noch nicht abgeschlossen, daher kann ich all dies nur unter einem gewissen Vorbehalt sagen.

„MußeOrte – weltweit“: Lassen Sie uns zurückkehren zur Frage nach den erzwungenen Freiräumen, die durch Krankheiten eventuell entstehen! Können Sie schon etwas dazu sagen, wie Patient*innen diese füllen?

Jürgen Bengel: Ein wichtiger erster Befund ist, dass Neuorientierung und positiv getönte Erfahrungen in neu entstandenen Zeitfenstern zunächst nicht im Fokus stehen. Wie beschrieben finden sich viele Berichte der Auseinandersetzung mit der Erkrankung, und v.a. auch mit möglichen Ursachen. Auch von einer starken Desorientierung in Bezug auf das gesamte Leben ist häufig die Rede. Patient*innen sprechen dann davon, ihren Platz in der Welt verloren zu haben, „auf der Suche“ zu sein und „etwas Neues finden“ zu wollen. Ausgehend davon wird die Erkrankung häufig als Wendepunkt im eigenen Leben konstruiert und von weitreichenden Entscheidungen bezüglich der künftigen Gestaltung des Lebens gesprochen. Betroffene berichten, sich eine andere Arbeit zu suchen oder Beschäftigungsmöglichkeiten (wieder-) zu entdecken, die Pausen ermöglichen und sie persönlich erfüllen. Sie strukturieren ihr Leben und ihre Zeit selbstbestimmter, nehmen sich bewusst Auszeiten und widmen sich Aktivitäten, die ihnen persönlich wichtig erscheinen. Zum Effekt konkreter Räumlichkeit auf die berichteten Erfahrungen können wir noch nichts Detailliertes sagen.

Allerdings stützen die bisherigen Befunde die theoretische Annahme, dass Zeit im Wartezimmer, bewirkt, dass man auch mal die Gedanken abschweifen lassen kann oder auf Ideen kommt, die sich im Alltag nicht aufdrängen. Auch so kann eine Neuorientierung im Denken entstehen; – nicht nur in der Reflexion über die Krankheit, sondern auch über das gesamte Leben. Auch die These, dass viele Menschen ihre Erkrankung als Krise, Scheideweg und Neuorientierungsmöglichkeit erleben, scheint sich zu bestätigen. Wie dies geschieht, hängt stark mit der Biografie zusammen, aber auch mit dem Kontext, in dem die Freund*innen, Partner*innen, Angehörigen reagieren, und nicht zuletzt mit der Erkrankung, die ja durchaus körperliche oder psychische Einschränkungen mit sich bringt. Einem depressiven Menschen stehen einfach weniger Möglichkeiten offen, sie/er ist antriebsärmer und sieht die Zukunft negativer. Demgegenüber sagt sich ein auf den Behandlungserfolg wartender Tumorpatient vielleicht: „Ich kann ja alles machen, bin körperlich nicht eingeschränkt“. Die Zeit, in der er weniger arbeiten muss, in der er sich neu orientieren kann, kann er dann nutzen und sich Wünsche erfüllen, die er schon immer hatte – vor allem vor dem Hintergrund der Perspektive, dass sich seine Krankheit in absehbarer Zukunft verschlimmern könnte und ihm daher bestimmte Aktivitäten nicht mehr möglich sein könnten.

Was aus meiner Perspektive wichtig ist: die Beobachtung, dass es in den betreffenden Personen oftmals zu „arbeiten“ beginnt und sich in der Folge und aus ihrem jeweiligen biografischen Kontext heraus Möglichkeiten ergeben, neu entstehende Freiräume zu füllen oder sich diese erst zu schaffen.

„MußeOrte – weltweit“: Herr Bengel, haben Sie vielen Dank für das Interview!

Zurück zur Interview-Übersicht