Fragen an Melina Munz

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Melina Munz, M.A., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Teilprojekt G4 „Muße im indischen Gegenwartsroman“.

 „MußeOrte-weltweit“: Im anglistischen Teilprojekt des SFB beschäftigen Sie sich mit Muße im indischen Gegenwartsroman und insbesondere mit Muße-Szenarien und Muße-Diskussionen in der zeitgenössischen indischen Literatur. Warum ist die indische Literatur hier besonders interessant?

Melina Munz

Melina Munz: Zunächst ist der Befund, dass Muße ein wichtiges Thema in der zeitgenössischen Literatur darstellt, an sich bemerkenswert. Zu Beginn eines Projektes kann man ja nicht unbedingt genau einschätzen, welche Reichweite das Thema in der Literatur hat. Nach den ersten Monaten war aber klar, dass man sehr viele Romane finden kann, die sich mit Muße befassen und dabei eine Vielfalt von Muße-Praktiken- und Phänomenen behandeln. Diese Verknüpfung von Muße und Muße-Praktiken entsteht eigentlich immer über eine besondere Qualität der Erfahrung. Das geht von einer spirituellen Komponente bis hin zu ästhetischen Praktiken.

„MußeOrte-weltweit“: Das Interview findet ja im Rahmen des Projektes „MußeOrte – weltweit“ statt, deswegen interessiert mich natürlich besonders, ob die Muße-Erfahrungen, egal welcher Qualität, in den Romanen auch räumlich verortet sind? Spielt der Raum für die Muße-Erfahrungen eine Rolle, und falls ja, welche Mußeorte sind das und durch was zeichnen sie sich aus?

Melina Munz: Tatsächlich kann ich mich sehr gut mit dem Mußeorte-Projekt identifizieren, weil in meiner Arbeit gerade in letzter Zeit der Fokus auf die Räume, in denen die Muße stattfindet, in den Vordergrund getreten ist. Der Raum ist einerseits als Ermöglichung der Muße-Erfahrung wichtig, aber andererseits tritt in den literarischen Texten in den als mußerelevant empfundenen Situationen die Sinneswahrnehmung in den Vordergrund. Eine bestimmte Qualität der Erfahrung wird häufig in einem bestimmten Raum verortet und wahrgenommen. Das können ganz unterschiedliche Räume sein. Zunächst sind das der ländliche Raum in Indien (etwa das Stereotyp der Dorfidylle) sowie die dortige ,wilde‘ Natur (v.a. in den Himalayas). Drittens und in Kontrast dazu wäre die Stadt zu nennen, etwa die Megastädte Delhi oder Kolkata. Wichtig ist, dass die Romane alle Raumkonstruktionen verhandeln: einerseits finden wir traditionelle (indisch oder kolonial-europäisch geprägte) Zuschreibungen und Vorstellungen bzgl. der Beschaffenheit der Räume; andererseits inszenieren die Romane, wie diese Räume von den Protagonist*innen durch Muße-Erfahrungen neu erlebt und neu konzeptualisiert werden können.

„MußeOrte-weltweit“: In Ihrer Antwort deuten Sie eine spirituelle Komponente von indischen Muße-Konzepten an. Können Sie konkretisieren, was Sie darunter verstehen?

Melina Munz: Unterschiedliche Glaubensvorstellungen sind nicht das zentrale Thema der Romane, es handelt sich eher um einzelne Passagen, in denen man auch in einer besonderen Art der Ästhetik einen Rückbezug auf bestimmte spirituelle Konzepte identifizieren kann. Selbstverständlich thematisieren die Romane auch spirituelle Orte und Praktiken, etwa Klöster und Meditationen in The Romantics von Pankaj Mishra oder in A river sutra von Githa Mehta. Besonders interessant sind hier der Zusammenhang zwischen Naturraum und Kontemplation, relativ alltägliche Zeremonien wie die Puja-Zeremonie im Hinduismus oder der regelmäßige Besuch eines Familienschreins. Gleichzeitig spielen in den Texten auch ganz andere Aspekte eine Rolle wie zum Beispiel ein spezifischer Zeitrhythmus in den Großstädten oder das Familienleben, in dem das Religiöse nur ein Aspekt ist. Man muss einfach vorsichtig sein, dass man das Spirituelle, das so offensichtlich muße-affin zu sein scheint, nicht überbetont. Die Vielfalt von Praktiken indischer Muße auf Spiritualität zu reduzieren, wäre nicht nur eine Verkürzung, sondern kann auch Gefahr laufen, Indien zu exotisieren.

„MußeOrte-weltweit“: (Fern-)Östliche mußeaffine Angebote haben aktuell Konjunktur in den westlichen Gesellschaften. Machen die Romane konkrete ,Angebote‘, wie Muße als Gegenentwurf zur (nicht nur westlichen) Leistungsgesellschaft begriffen und praktiziert werden könnte?

Büchermarkt in Kolkata (© Melina Munz)

Melina Munz: Wir haben viel über Räume gesprochen, beim Stichwort Leistungsgesellschaft ist aber auch der Aspekt der Zeit wichtig. In diesem Zusammenhang sind für unser Projekt Erinnerung und Nostalgie ein roter Faden. Häufig sind es nostalgische Rückerinnerungen an die Kindheit oder an die frühere Qualität eines Raums, die die Texte literarisch entfalten und damit zugleich einen kritischen bzw. pessimistischen Blick auf die Zeit ihrer Entstehung werfen. Da gibt es z.B. diesen Diskurs über die traditionelle Gesprächspraktik des Adda, vor allem in Kalkutta oder in Westbengalen. Adda wird verstanden als das freie Zusammenkommen in öffentlichen Räumen (Cafés, Plätze) und das Diskutieren über ganz banale bis hin zu abstrakt-philosophischen Dingen. Vielen Romanfiguren erscheinen solche Praktiken nicht mehr möglich angesichts der Veränderungen und zunehmenden Funktionalisierung des Stadtraums. Die Räume, die offen für solch eine Nutzung sind, verschwinden aus ihrer Sicht immer mehr. Trotz einer melancholischen Note birgt die Vergangenheit aber oftmals auch ein Potenzial, das die Protagonist*innen für die Gestaltung der Gegenwart nutzen können. Ob das auch direkt als ,Angebot‘ für Leser*innen aufgefasst werden kann, vermag ich nicht zu sagen.

„MußeOrte-weltweit“: Und wie wird diese Rückwärtsgewandtheit angesichts einer zunehmend globalisierten Welt bewertet?

Melina Munz: In den Texten lässt sich auf keinen Fall alles mit dem Label ,rückwärtsgewandt‘ versehen. In diesem Zusammenhang denke ich v.a. an Kiran Desai und ihren bekannten Roman The Inheritance of Loss. Darin wird gerade über die Verhandlung unterschiedlicher Räume und deren Erleben durch unterschiedliche Personen der Gegensatz von Stadt und Land thematisiert. Und das kann man ganz interessant in Zusammenhang mit Hartmut Rosas Beschleunigungstheorie bringen. Es ist nämlich der westliche Stadtraum, in dem diese Beschleunigung des Lebens der Protagonisten, bzw. genauer des südasiatischen Immigranten, dargestellt wird. In diesem Kontext stellt sich dann die Frage nach dem Verhältnis der Theorie der Beschleunigung und einer globalen Perspektive. Inwiefern haben die Länder des globalen Nordens die Länder des globalen Südens gewaltsam beschleunigt? Wie könnte man Ergebnisse der Romananalyse in dieser größeren Perspektive sehen? Das sind offene Fragen, die mich im weiteren Verlauf meiner Forschung sicherlich immer wieder beschäftigen werden.

„MußeOrte – weltweit“: Frau Munz, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

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