Fragen an Peter Philipp Riedl

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Prof. Dr. Peter Philipp Riedl ist Leiter des Teilprojektes R2 „Urbane Muße um 1800. Flanerie in der deutschen Literatur“.

„MußeOrte – weltweit“:  Lieber Herr Riedl, Sie untersuchen in Ihrem Teilprojekt die Lebensformen und Verhaltensmuster urbaner Muße. Welche Überlegungen und Quellen liegen Ihrer Untersuchung dabei zugrunde?

Peter Philipp Riedl: Es geht um Lebensformen urbaner Muße in der Literatur um 1800. Als Quellen dienen uns Korrespondenten- und Reiseberichte deutscher Schriftsteller aus den europäischen Metropolen London und Paris. Dazu entsteht unter meiner Betreuung eine Dissertation. Ich selbst arbeite zu Formen urbaner Muße im Werk Goethes. Bei unseren Überlegungen achten wir aber nicht nur auf die Beobachteten, sondern auch auf die Beobachter selbst und fragen uns, wie in deren Wahrnehmungsformen und Wahrnehmungsweisen Ausprägungen von Muße erkennbar sind.

Peter Philipp Riedl

„MußeOrte – weltweit“:  Können Sie schon etwas dazu sagen, in welchem Verhältnis Beobachter und Beobachtete im Zusammenhang mit urbaner Muße stehen? Wie wird das Verhältnis in den Texten sprachlich bzw. erzählerisch in Szene gesetzt?

Peter Philipp Riedl: Zunächst einmal gibt es eine Auffälligkeit, die allerdings für Reiseberichte grundsätzlich gilt: In der Beobachtung des Anderen beobachtet man sich auch selbst. Das Verhältnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung ist hier also ausgesprochen komplex. Bei den von uns untersuchten Texten ist zudem auffällig, dass die Beobachter die großstädtischen Lebensformen von Muße unter einem zweifachen Fremdheitsaspekt schildern. Zum einen befinden sie sich auf dem Territorium einer anderen Nation; zum anderen erlebten sie dort eine Metropole, die in Deutschland um 1800 ihresgleichen suchte. Um 1800 gab es in Deutschland keine in der Größenordnung auch nur annähernd vergleichbare Metropole wie London und Paris. Was die Wahrnehmungsformen und die entsprechenden narrativen Übersetzungen betrifft, haben wir es in den genannten Quellen mit Formen von Flanerie zu tun. Dies ist ein zentraler Befund unserer Arbeit im Teilprojekt, der sich von der bisherigen Forschung abhebt. Diese geht nämlich davon aus, dass Flanerie ein Phänomen seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts darstellt und v.a. an die Pariser Boulevards und Passagen gebunden ist. Baudelaire ist in diesem Zusammenhang die Künstlerfigur par excellence. Er verkörpert geradezu idealtypisch den artist-flâneur. Für die Zeit um 1800, für die wir uns interessieren, spricht die Forschung bisher allenfalls von einer Flanerie ,avant la lettre‘. Wir vertreten demgegenüber die These, dass man bereits um 1800 von Flanerie in der Literatur sprechen kann.

„MußeOrte – weltweit“: Können Sie kurz erläutern, in welchem Zusammenhang Flanerie und Formen urbaner Muße stehen?

Canaletto: Dom, Dogenpalast, Piazza, Piazetta, Bibliothek in Venedig, Ende 18. Jahrhundert (commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Peter Philipp Riedl: Zunächst einmal ist Flanerie die gleichsam eingängigste, vielleicht sogar paradigmatische Form urbaner Muße. Urbane Muße und Flanerie werden ja auch häufig synonym gesetzt. Ich würde das allerdings nicht so engführen; Flanieren ist sicherlich eine hervorgehobene Form urbaner Muße, aber nicht die einzige. Es gibt auch kontemplationsorientierte Muße-Formen in einer großen Stadt, etwa an Rückzugsorten wie Gärten, Parks, Museen, Sammlungen und dergleichen. Das sollten wir nicht vordergründig mit Flaniere gleichsetzen, nur weil es auch ein urbanes Phänomen darstellt. Wir versuchen hier tatsächlich auch unser Begriffsinstrumentarium entsprechend zu differenzieren, um die Vielfalt von Formen urbaner Muße auch begrifflich einigermaßen angemessen zu erfassen.

„MußeOrte – weltweit“: Urbane Muße wird oftmals mit Menschenmassen assoziiert. Können Sie sagen, ob es an solchen städtischen Muße-Orten so etwas wie kollektive Muße oder zumindest eine kollektive Dimension von Muße gibt?

Peter Philipp Riedl: In den Texten, die wir analysieren, finden wir Darstellungen von geselligen Mußeformen wie gemeinsam unternommenen städtischen Spaziergängen, Konversationen, Zusammentreffen auf öffentlichen Plätzen u.a.m. Nicht zu vergessen ist hier auch die für unsere Thematik wichtige Festkultur. Ich würde hier aber den Begriff ‚gesellig‘ bevorzugen. „Kollektive Muße“ suggeriert ein Erlebnis, das alle Beteiligten gemeinsam teilen. Eine Mußeerfahrung kann zwar im geselligen Kontext erfolgen, ist aber dennoch stets an das Individuum gebunden.

In Zusammenhang mit Menschenmassen ist in unseren Texten allerdings ein anderes Phänomen häufig anzutreffen: Die Darstellung eines Individuums, das in eine Menschenmenge eintaucht, aber nicht von Einsamkeits- oder Anonymitätsgefühlen überwältigt wird (was ja auch zur Melancholie führen kann), sondern gerade in der Menge zu sich selbst findet. Es gibt eine schöne Schilderung des Philosophen Christian Garve um 1800. Er beschreibt, wie er während eines Gangs über einen belebten Platz, den Markusplatz in Venedig, gerade in der Zerstreuung, die er in der Menschenmenge erlebt, zur Konzentration findet. Es handelt sich um ein Phänomen, das wir mit Transgressionserfahrungen von Muße begrifflich zu erfassen versuchen.

„MußeOrte – weltweit“: Mit der abschließenden Frage möchte ich einen Bogen in die Gegenwart schlagen. Können Sie sich vorstellen, was heutige Korrespondent*innen aus Paris, London und Rom mit Blick auf urbane Flanerie berichten würden?

Print of the Grand Walk in Vauxhall Gardens (commons.wikipedia.org, gemeinfrei)

Peter Philipp Riedl: Vermutlich würden sie einige der Hotspots, die es schon um 1800 gegeben hat, immer noch in den Blick nehmen. Wenn ich recht sehe, hat die Flanerie gerade wieder Konjunktur. Das hängt mutmaßlich stark mit der verbreiteten Überzeugung zusammen, dass wir in einer Zeit zunehmender Beschleunigung leben. Die Flanerie erfährt hier als ein kompensatorisches Gegenmodell besondere Wertschätzung. Hier wird allerdings auch deutlich, dass es sich um einen etwas verbrauchten Begriff handelt. Es muss ja nicht jeder Spaziergänger in der Stadt gleich zum Flaneur erklärt werden. Gleichzeitig kann man die Bilder von Flanerie, wie sie etwa Walter Benjamin mit Blick auf das Paris Baudelaires entworfen hat, durchaus kritisch hinterfragen. Im Teilprojekt versuchen wir jedenfalls, das Konzept der Flanerie systematisch und historisch auszudifferenzieren.

Im Vergleich zur Zeit um 1800 existieren in heutigen Großstädten neue Räume der Flanerie, frühere sind hingegen verschwunden, was mit städtebaulichen und strukturellen Veränderungen zu tun hat und sicher auch mit veränderten Lebensformen und Lebensweisen. Der Flaneur ist ja eine Künstlerfigur, in erster Linie eine literarische Figur, wenn auch an eine bestimmte Klasse oder Schicht (das Bürgertum und den Adel) gebunden. Heute haben wir es eher mit Phänomenen des Massentourismus zu tun, die die Städte vor ganz andere Herausforderungen stellen und auch ganz andere Wahrnehmungsmuster mit sich bringen. Was das mit Muße zu tun haben kann, untersucht im SFB das humangeographische Teilprojekt P1 „Erlebte Orte und Momente der Muße im europäischen Städtetourismus der Gegenwart“. Wenn die Forschungsergebnisse dieses Teilprojekts vorliegen, sehen wir vielleicht auch klarer, welche Formen der Flanerie heutzutage in den großen Metropolen anzutreffen sind.

„MußeOrte – weltweit“: Herr Riedl, haben Sie vielen Dank für die interessanten Einblicke!

 

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