Fragen an Regine Nohejl

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Dr. Regine Nohejl ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Transferprojekt „Mußeum – Museum der Muße und Literatur Baden-Baden“.

„MußeOrte – weltweit“: Im Rahmen des Transferprojekts (und in Kooperation mit weiteren Partner*innen) wird in Baden-Baden ein „Mußeum – Museum der Muße und Literatur“ konzipiert und realisiert. Die Forschungsergebnisse des SFB finden dort eine praktische Anwendung. Von welchen Überlegungen sind Sie ausgegangen?

Regine Nohejl

Regine Nohejl: Das waren Überlegungen, die den SFB insgesamt betreffen. In der ersten Förderphase wurde ja sehr intensiv an theoretischen und konzeptionellen Aspekten der Muße gearbeitet – und bis heute vertiefen wir diese Aspekte. Dabei war immer ein gewisses Unbehagen spürbar, da eine Frage unbeantwortet blieb bzw. mehr oder weniger ausgeklammert wurde: Kann man sich eigentlich mit Muße beschäftigen, ohne sie selber zu erleben, ohne sich auch auf Muße-Praktiken einzulassen? Das mag auf den ersten Blick banal klingen, berührt aber hermeneutische Grundsatzdiskussionen. U.a. als Reaktion darauf wurde die zweite Laufzeit des SFB sehr stark auf die Erforschung von Muße-Praktiken und Muße‑Erleben ausgerichtet. Wir gehen im Transferprojekt noch einen Schritt weiter, indem wir mit dem „Mußeum“ versuchen, selbst mußeaffine Räume zu gestalten bzw. mit ihnen zu experimentieren. Man kann Muße nicht erzwingen, aber man kann Angebote gestalten und bei Bedarf Veränderungen und Anpassungen vornehmen – das war der Grundgedanke unseres Projektes.

„MußeOrte – weltweit“: Das Museum ist ja ein klassischer mußeaffiner Ort. Das Mußeum soll dies sogar in doppelter Hinsicht sein: die Muße ist dort sowohl Gegenstand als auch Medium der musealen Aufbereitung. Können Sie etwas über die Mittel erzählen, mit denen Sie diese doppelte Struktur realisieren?

Regine Nohejl: Für unser Projekt war es die zündende Idee, solch eine Metaebene einzuziehen. Wir haben dann festgestellt, dass wir gar nicht so viel Neues erfinden müssen, sondern dass wir uns neuere Ausstellungs- oder Museumskonzepte produktiv aneignen können. Wir verzichten z.B. weitgehend auf originale Exponate. Das ist der erste Schritt um die Distanz zwischen Besucher*in und Exponat aufzuheben. Unser Ziel ist eine Ausstellung, die nicht zur ,Anbetung‘ des Originals, sondern zum Verweilen und Mitmachen auffordert. Dazu schaffen wir ganze Ensembles von Exponaten – konkret: Texten, Bildern und Gegenständen. Und diese Ensembles erzählen Geschichten, mit denen wir die Besucher*innen ,abholen‘ und zugleich auffordern, aktiv in die Ausstellung einzusteigen. Jeder Raum erzählt eine Geschichte, die an vielen Stellen offen oder angedeutet bleibt, sodass sie jede*r für sich weiterspinnen kann. Die Ausstellung funktioniert wie ein Buch, in dem gelesen, vor- oder zurückgeblättert, in das eingetaucht werden kann. Man könnte auch sagen, dass das „Mußeum“ als Immersions- und Muße-Raum konzipiert ist.

„MußeOrte – weltweit“: Mit welchen Schwierigkeiten bei der Konzeption, seien es institutionelle oder praktische Probleme, werden Sie konfrontiert?

Regine Nohejl: Wir sind mit einer ganzen Reihe von Problemen praktischer und finanzieller Art konfrontiert. Positiv gewendet: Wir können kein vorgefertigtes Produkt ,einkaufen‘, sondern sind gezwungen auf kreativ-originelle Weise mit einfachen Mitteln zu arbeiten. Interessanter ist an dieser Stelle aber ein anderer Aspekt, nämlich der der Vermittlung. Zum einen versuchen wir die Ergebnisse des SFB an eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln, zum anderen ist unser Ziel, die Erfahrungen unserer Vermittlungsarbeit in den SFB zurückzuspielen. Während die forschenden Kolleg*innen auf analytischer Ebene kontinuierlich am Muße-Begriff arbeiten können, stehen wir vor der Herausforderung, ihn für die praktische Arbeit ,brauchbar‘ machen zu müssen; wir müssen also bis zu einem gewissen Grad festlegen, was Muße bedeutet, und dabei muss uns die Balance zwischen unterdeterminierter, trivialer oder viel zu komplexer Begriffsdefinition gelingen. Wir gehen diese Herausforderung offensiv an und legen im „Mußeum“ offen, welche ,Geschichte‘ von Muße wir museal erzählen wollen. Gerade die Relativität unseres Ansatzes (man könnte auch eine andere ,Geschichte‘ erzählen) hat das Potenzial, die Besucher*innen zum Nachdenken anzuregen. Außerdem haben wir als Korrektiv immer die Kolleg*innen des SFB im Hintergrund. Das Teilprojekt R5 trägt bspw. zur psychologischen Fundierung unserer Konzeption bei.

„MußeOrte – weltweit“: Sie haben bereits beschrieben, dass Sie einen sehr reduzierten Einsatz von Exponaten planen. Darf ich trotzdem fragen, welche Exponate Ihnen besonders ans Herz gewachsen sind?

,Indiscret‘ – Ausstellungsstück zum Hinsetzen (© Christina Gulde, Stadtmuseum Baden-Baden)

Regine Nohejl: Ja, es gibt ein solches Exponat. Einen Dreiersessel, so etwas hat man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehabt und diese Möbelstücke hießen auch ,Indiscret‘. Der Sessel bildet einen Kreis und die Sitzflächen sind gegeneinander versetzt, sodass man sich gegenseitig ins Gesicht schauen kann. Er verdeutlicht in einem unserer Ausstellungsräume die sehr spezifische Dreierbeziehung zwischen Ivan Turgenev, der Sängerin Pauline Viardot und ihrem Mann Louis Viardot. Der Sessel steht zugleich für das Grundprinzip unserer Ausstellung, da er die Geschichte nur andeutet und die Besucher*innen einlädt, sich zu setzen und die Geschichte für sich selbst weiterzudenken.

„MußeOrte – weltweit“: Sie haben es schon angedeutet: Als Pilot-Projekt auf dem Weg zur Realisierung des „Mußeums“ wurde eine Ausstellung über Ivan Turgenev realisiert.* Warum haben Sie gerade diesen Autor gewählt, um Ihren musealen Ansatz zu erproben?

Regine Nohejl: Charakteristisch für Turgenev waren u.a. eine polyglotte Lebensweise, breite Sprachkenntnisse, vielfältige Kontakte und weit gefächerte Interessen. Das alles brachte er nach Baden-Baden mit, wo er sich sieben Jahre (1863–1870) aufhielt und einen mußeaffinen Lebensstil par excellence pflegte. Er war dort das Zentrum eines sehr weit ausstrahlenden internationalen kulturellen Zirkels, in dem sich Intellektuelle und Künstler*innen, aber auch Vertreter aus Politik frei und zwanglos begegneten. Man sollte sich das aber nicht als allzu betulich vorstellen, immerhin spiegeln sich in Turgenevs Biographie und Werk auch die brisante politische Situation und das sehr problematische Verhältnis zwischen Westeuropa und Russland – also Aspekte, die auch heute von tagesaktueller Relevanz sind und gewissermaßen auf eine Aktualisierung drängen. Das Pilot-Projekt und später das „Mußeum“ sollen keine kulturellen Wellness-Oasen sein, in denen Konflikte und Spannungen verdrängt werden. Daher haben wir Turgenevs Leben und Werk auch als Ausgangspunkt für eine aktualisierende Auseinandersetzung mit dem Verhältnis ,Russland – Westeuropa‘ genommen. Ein Museumsbesuch im Modus der Muße kann gerade dann reizvoll sein, wenn solche brisanten, auf den ersten Blick mußeaversen Themen verhandelt werden. Diese Spannung zwischen Präsentationsform und Inhalt war für uns nicht zuletzt deshalb interessant, weil sie zeigt, dass Muße ihre eigenen Grenzen überschreiten kann.

„MußeOrte – weltweit“: Frau Nohejl, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 


* „Russland in Europa – Europa in Russland. 200 Jahre Ivan Turgenev“, Ausstellung der Stadt Baden-Baden in Kooperation mit dem Transferprojekt des SFB 1015 und weiteren Partnern (22.9.2018 bis 7.4.2019). Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Begleitband erschienen.

 

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