Fragen an Sonja Ehret

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Sonja Ehret, M.Sc., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Teilprojekt R5 „Warten und Erwarten in Mußeräumen: Eine empirische Studie zum Zusammenhang zwischen Erwartung, Raumatmosphäre und Zeitbewusstheit“

 

„MußeOrte ‑ weltweit“: Liebe Frau Ehret, im Teilprojekt R5 wird die Wirkung von Muße-Räumen auf das Zeiterleben untersucht. Von welchen Grundannahmen oder von welcher Idee sind Sie dabei ausgegangen?

Sonja Ehret

Sonja Ehret: Unsere Annahme ist, dass Muße-Erfahrungen eng verknüpft sind mit irgendeiner Form von besonderem Zeiterleben. Wir gehen davon aus, dass es bestimmte Faktoren gibt, die Muße entweder begünstigen oder verhindern können. Auch bestimmte Architekt*innen folgen dieser Annahme und versuchen ihre Gebäude so zu planen, dass sie in ihrer Wirkung möglichst mußeaffin sind. Wir wählen solche Gebäude gemeinsam mit Kunsthistorikern aus und untersuchen, was mit den Menschen, die sich darin aufhalten, geschieht und wie sie sich verhalten.

„MußeOrte ‑ weltweit“: Was sind das für Gebäude bzw. in welchen Räumlichkeiten untersuchen Sie das?

Sonja Ehret: Es gibt vier Kategorien, die in diesem Zusammenhang wichtig sind: Bäder, z.B. Thermalbäder, Andachtsräume wie Kirchen, Museen und Bibliotheken. Auf den ersten Blick wirken die Gebäude aufgrund ihrer modernen Architektur nicht unbedingt wie Muße-Räume, wenn man aber genauer hinsieht, wie wir es im Projekt tun, und analysiert, was Menschen in den Räumen machen, wird schnell deutlich, dass es sich zum Teil geradezu um ,klassische‘ Muße-Orte handelt. Mit deren Untersuchung wurde ja bereits in der ersten Förderphase des SFB begonnen.

„MußeOrte ‑ weltweit“: Gibt es außer dem Raum noch weitere Faktoren, die diese besondere Zeiterfahrung, die mit Muße verbunden ist, befördern können?

Sonja Ehret: Aktuell interessieren wir uns u.a. für die sog. Raumexploration. Eine Frage in diesem Kontext lautet: Welche Unterschiede sind festzustellen zwischen einer Situation, in der ein Mensch die Möglichkeit hat, einen Raum zu erkunden und anzusehen, und einer Situation, in der diese Möglichkeit nicht besteht? Wir sind hier noch ergebnisoffen, weil ja sowohl die eine Option als auch die andere potentiell zu einem zeitvergessenen Erleben führen könnte. Relevant für die Frage nach den Voraussetzungen von Zeitvergessenheit scheint uns der Aspekt der Raumexploration aber auf jeden Fall. Außerdem interessieren wir uns für Faktoren, die Muße verhindern können. Z.B. haben wir untersucht, was passiert, wenn die Aufenthaltsdauer in einem Raum klar begrenzt ist und unsere Proband*innen mit dem Ende dieses Zeitraums eine bestimmte Erwartung verknüpfen. Wie wirkt es sich bspw. auf das Zeiterleben von Menschen aus, wenn sie eine negative Erwartung haben? Könnte das einem mußevollen Museumsbesuch im Wege stehen? Ist das förderlich für mußeaffine Erfahrungen?

„MußeOrte ‑ weltweit“: Im SFB spielen unterschiedliche Formen der Zeiterfahrung eine Rolle, bspw. in Zusammenhang mit Phänomenen wie Flow oder Immersion. Wie lässt sich die Zeiterfahrung, für die Sie sich interessieren, von diesen Phänomenen abgrenzen? Muss man sie überhaupt voneinander abgrenzen?

Sonja Ehret: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil wir ja noch gar nicht wissen, wie das Zeitempfinden in Muße im Kontext der Psychologie zu beschreiben ist. Genau das ist ja eines der Ziele des Teilprojekts. Bis jetzt ist zum Beispiel nicht klar, ob die Zeit in Muße gefühlt schneller oder langsamer vergeht. Unsere bisherigen Ergebnisse weisen eher darauf hin, dass Menschen, die eine Muße-Erfahrung machen, das gar nicht so genau sagen können. Sie berichten, dass ihnen die Zeit überhaupt nicht bewusst war, was dem eingangs erwähnten zeitvergessenen Erleben sehr nahe kommt. mMan kann dann einfach gar nicht mehr sagen kann, ob die Zeit schnell oder langsam vergangen ist. Aus diesem Grund ist es schwer, eine Abgrenzung von Flow und Immersion vorzunehmen, weil auch diese Phänomene mit einem ganz ähnlichen Zeiterleben verbunden sein können. Sicherlich existieren aber feine Unterschiede und genau diesen sind wir im Teilprojekt aktuell auf der Spur.

„MußeOrte ‑ weltweit“: Was Nichtpsycholog*innen sicherlich interessiert, ist die Frage, welche Methoden Sie einsetzen. Wie kommt man zu den beschriebenen Ergebnissen?

Sonja Ehret: Wir machen Experimente. Das klingt jetzt erstmal sehr nach steriler Laborumgebung, das ist aber nicht zutreffend. Wir gehen folgendermaßen vor: Wir konzentrieren uns auf bestimmte Faktoren, von denen wir denken, dass sie Muße begünstigen oder verhindern können. Ein Grundstein sind dabei die erwähnten Räume, die von Architekt*innen als mußeförderlich bzw. -affin konzipiert wurden. Unsere Proband*innen bitten wir, sich in diesen Räumen für eine bestimmte Zeit, meistens ca. eineinhalb Stunden, aufzuhalten; anschließend holen wir sie ab und befragen sie zu ihrem Aufenthalt. Die Proband*innen müssen z.B. schätzen, wie lange sie sich in dem betreffenden Raum aufgehalten haben oder wie das Verstreichen der Zeit gefühlsmäßig eingeschätzt wird. Ist sie verflogen, hat sich die Zeit eher gezogen? War den Leuten langweilig? Und dann führen wir mit den Proband*innen noch ein Interview und versuchen dabei u.a. herauszubekommen, wie sich das Zeitempfinden während des Aufenthaltes ggf. verändert hat. Beispielsweise berichten die Proband*innen, dass die Zeit zu Beginn sehr schnell vergangen und ihnen dann im weiteren Verlauf langweilig geworden sei. Unser Ziel ist es, ihr Zeitempfinden umfassend zu beschreiben und Gemeinsamkeiten unter den Teilnehmenden herauszuarbeiten. Kurz gesagt: Im Rahmen unseres experimentalpsychologischen Ansatzes setzen wir die Proband*innen verschiedenen Bedingungen aus und versuchen, auf diese Weise Unterschiede in der Zeiterfahrung festzustellen und diese dann wieder mit der Frage zu verbinden, ob die Proband*innen Muße hatten oder nicht.

„MußeOrte ‑ weltweit“: Frau Ehret, vielen Dank für das Interview und die interessanten Einblicke ins Teilprojekt!

 

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