Potsdam | Germany

Von Michael Navratil
Mein Mußeort ist mein Klavier. Das mag zunächst überraschen, ist ein Instrument doch strenggenommen weder ein Ort, noch ist das Klavierspielen eine Form des Tätigseins, die sich notwendigerweise in Muße ereignet: Zahllose Klavierschülerinnen und ‑schüler weltweit, aber auch all diejenigen, die professionell Musik machen, können Zeugnis davon ablegen, dass das Üben an einem Instrument sogar das genaue Gegenteil von Muße sein kann, nämlich leidiger Zwang und harte Arbeit. Ich selbst bin dann aber eben doch nicht Musiker, sondern Literaturwissenschaftler geworden.
Wenn ich heute am Klavier sitze, spiele ich meist die altbekannten Stücke, bei denen die Bewegungsabläufe routiniert sind und die Anstrengung entsprechend gering ausfällt. Mehrmals am Tag gehe ich die paar Meter vom Schreibtisch zum Klavier, oft nur, um ein paar Minuten lang eine Partita von Bach oder einen Satz einer Beethoven-Sonate anzuspielen. Diese wenigen Minuten am Klavier bedeuten für mich eine kleine, aber stets verfügbare Form der Erfrischung. Das halb automatisierte, halb bewusste Zusammenwirken von Geist und Körper wirkt wie eine emotionale Eichung. Innerhalb des so sehr textfokussierten Alltags bildet das Klavierspielen eine kleine Insel des Sinnlichen.
Eine Besonderheit der Mußeerfahrung am Klavier besteht darin, dass sie sich auf eigentümliche Weise reproduzieren lässt. Ein Klavier, das in einem Zimmer steht, ist immer auch eine Einladung, einen Moment lang jene besondere Zeit‑, Raum und Körpererfahrung zu machen, wie sie das Musizieren – und vielleicht nur das Musizieren – ermöglicht. Ganz und gar unaufdringlich formuliert der Mußeort Klavier – und der Möglichkeit nach sind alle Klaviere Mußeorte – immer und immer wieder das Versprechen auf einige Momente erfüllten Lebens.
Michael Navratil ist Literaturwissenschaftler am Institut für Germanistik der Universität Potsdam: navratil@uni-potsdam.de.